Esskultur und Migration

Niemand ist eine Insel

Seit eh und je spiegeln sich im mitteleuropäischen Deutschland die kulturellen Einflüsse der Migranten wider. Hugenotten, Italiener, Griechen, Türken – sie alle haben unsere Esskultur geprägt. Anderenfalls wären wir vielleicht tatsächlich ein kulinarisch einfallsloses Volk von »Krauts«.

Bratwurst, Haxe mit Sauerkraut, Brezeln und Bier – ginge es danach, was viele Touristen auf dem deutschen Mittagstisch erwarten, so beschränkte sich unsere tägliche Mahlzeit auf die Auswahl weniger Gerichte – die angeblich typisch deutsch sein sollen. »Krauts« wurden die Deutschen von den US-Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg genannt.

Eine solche Betrachtungsweise zeichnet das Bild einer extrem einseitigen Kost. Dabei ist das, was auf unseren Tellern landet, doch sichtlich vielfältiger und abwechslungsreicher – eine Vielfalt, die sich kontinuierlich erweitert und ausdifferenziert.

 

Kartoffeln, Wurst und Sauerkraut

Bestünde die deutsche Küche wirklich nur aus Kartoffeln, Wurst und Sauerkraut, wäre das eine sehr einseitige Kost

Wir sind nicht allein

Es ist gar nicht so schwierig, in der Ernährung eine spannende Vielfalt zu erleben – vorausgesetzt, man lässt sich von neuen Ideen inspirieren.

Doch wenn man sich im Land umschaut und umhört, geht bei diesem Gedanken schnell die Sorge um die eine deutsche Kultur um. Erst recht seit die Flüchtlingskrise die Europäische Union beschäftigt, bangen manche Bewohner der Zielstaaten um ihre nationale Identität.

Ja aber, so könnten wir uns ebenso gut fragen, gibt es die eine deutsche Kultur denn überhaupt? Und: Haben wir überhaupt jemals die eine deutsche Esskultur entwickelt?

»Niemand ist eine Insel«
John Donne

»Niemand ist eine Insel«, dieses Zitat des englischen Schriftstellers John Donne (1572–1631) hat zu Recht große Berühmtheit erlangt. Als von Natur aus soziales Wesen kann sich kein Mensch dem Einfluss seiner Umwelt und Mitmenschen entziehen. Wer die deutsche Esskultur frei von fremden Einflüssen halten möchte, dürfte grandios scheitern: denn die eine deutsche Küche ist reine Illusion. Es gibt sie schlichtweg nicht.

Sommerzeit ist Eis-zeit

Nehmen wir zum Beispiel … Eiscreme. Ein Sommer ohne Eisdiele? Undenkbar, mag der Sommer auch noch so verregnet sein. Weit über 5.000 Eisdielen bieten in Deutschland ihr Speiseeis feil. Die Mehrzahl der Eisdielen wird von italienischen Gelatieri geführt – was nicht verwundern dürfte, denn es waren Italiener, die diese Tradition in Deutschland eingeführt haben.

Man höre und staune: Bereits im 19. Jahrhundert kamen die ersten Gelatieri ins Land, um als fahrende Händler ihr Eis an den Mann zu bringen.

Spaghetti-Eis

Sommerzeit ist Eis-Zeit – und als Krönung: Spaghetti-Eis :-)

Mamma mia – der Deutschen Lieblingsgericht

Auch unter den Lieblingsgerichten der Deutschen treffen wir auf italienische Vorbilder: Regelmäßig wird Spaghetti Bolognese auf die vorderen Ränge gekürt. In den Supermärkten erfreut sich die etwas »schlichtere« Variante als Spaghetti mit Tomatensauce schon seit über 50 Jahren größter Beliebtheit: Mirácoli, gleichsam »die Mamma« aller deutschen Fertignudelgerichte, kam 1961 auf den deutschen Markt.

Wer hat’s erfunden: Die ITaliener

Und wenn wir schon im Supermarkt sind: Ein Gericht, das den Weg in die Tiefkühltruhe gefunden hat, hat sich zweifelsohne in einer Esskultur etabliert. Die Tiefkühlpizza ist aus vielen Haushalten kaum mehr wegzudenken.

In Deutschland soll der Italiener Nicolino di Camillo die erste Pizzeria eröffnet haben: Das war 1952 in Würzburg. Seitdem haben Pizzen und Nudelgerichte den deutschen Gaumen erobert.

Neues Gemüse im Land der Gastarbeiter

Überhaupt: die 50er und das deutsche Wirtschaftswunder. Ohne den Einsatz all der Gastarbeiter, die ab Mitte der 1950er-Jahre aus Italien, Griechenland und der Türkei nach Deutschland kamen, hätten die Produktionsmaschinen nicht so unermüdlich brummen können.

Natürlich brachten die Gastarbeiter ihre kulturellen Gepflogenheiten mit, inklusive ihrer Esskultur. Auberginen und Zucchini, Olivenöl und Knoblauch – was heute wie selbstverständlich unsere Supermarktregale füllt, fand mit den Arbeitsmigranten seinen Weg in die deutsche Esskultur.

Das beliebteste Fast Food ist türkischen Ursprungs

Der türkischen Küche verdanken wir den Döner Kebab – erklärtermaßen eines der beliebtesten Fast-Food-Gerichte der Deutschen. Die Bertelsmann-Stiftung berichtete 2011, dass die deutsche Döner-Industrie eine Wachstumsbranche mit 60.000 Arbeitsplätzen sei.1

Der Verein türkischer Dönerhersteller hat 2011 den türkischen Gastronom Kadir Nurman für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Angeblich war es Nurman, der den ersten Döner Deutschlands verkauft hat: 1972 am Berliner Bahnhof Zoo. Er sei durch die gewandelten Essgewohnheiten der Deutschen darauf gekommen, das traditionelle Drehspieß-Fleisch als Imbiss anzubieten, erzählte Nurman.

Im Supermarkt

Was seinen Weg in den Supermarkt gefunden hat, dürfte sich in der Esskultur etabliert haben

Idealzustand: Auf Migration folgt Integration

Ob die italienischen Gastarbeiter, denen wir seit dem deutschen Wirtschaftswunder auch die hiesige Verbreitung und Etablierung ihrer Teig- und Nudelwaren verdanken, ebenfalls auf die Fertigvariante zurückgegriffen haben, wird in den Annalen nicht überliefert – es ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Jeder Mensch mit italienischen Vorfahren schlägt allein bei dem Gedanken an Fertignudeln die Hände über den Kopf zusammen: Die eigene Zubereitung seiner Pizza und Pasta würden er sich niemals nehmen lassen.

Überhaupt schüttelt der Kenner der ursprünglichen italienischen Küche angesichts von Spaghetti Bolognese den Kopf: Diese Variante ist in Italien gänzlich unbekannt. Die Spaghetti mit der Hackfleischsauce sind ein typisches Beispiel dafür, wie Migration zur Erweiterung der Zutatenliste führt. Die spezielle Zubereitung jedoch wird manches Mal den angestammten Gepflogenheiten angepasst.

Auf diesem Weg wird ein Gericht zwar als Übernahme von Migranten wahrgenommen, in Wahrheit ist es aber eine integrierte Version – und damit befindet sich auch die Esskultur in einem geradezu künstlerischen Prozess.

Manchmal funktioniert die Integration sogar auf umgekehrten Wege, wie uns der Döner Kebab lehrt. Der Drehfleischspieß als solcher hat in Anatolien zwar Tradition, die Imbissvariante im Fladenbrot ist jedoch die Erfindung deutscher Türken. Noch Mitte der 1980er-Jahre – also gut zehn Jahre, nachdem Nurman seinen ersten Döner Kebab in Berlin verkauft hatte – war der Imbiss in der Türkei selbst gänzlich unbekannt. Und heute? Findet man kaum eine türkische Straßenecke, an der nicht auch Döner angeboten wird.

Blühende Kartoffelpflanze

Wurde in Europa ursprünglich als Zierpflanze angesehen: die Kartoffelpflanze

Die Kartoffel aus der Fremde

Die Bockwurst kam mit den Hugenotten aus Frankreich, so ist mancherorts zu lesen. Ob das wirklich stimmt, wissen wir nicht – wundern würden wir uns nicht.

Denn selbst wenn jetzt noch jemand auf die Bewahrung deutscher Esskultur mit ihren Kartoffelgerichten klopft, dem sei versichert: Die Kartoffel stammt aus Südamerika. Die Spanier brachten sie im 16. Jahrhundert nach Europa. Ohne Migration wäre sie niemals bei uns angelangt.

Der Vergleich mag nun ein wenig gewagt sein, doch: Wie die heutigen Flüchtlinge wurde die Kartoffel nicht gerade mit offenen Armen (bzw. Mündern) empfangen. Zu einer Zeit, als überwiegend Hafer- und Gerstengrütze die europäischen Mägen füllte, wurde die Kartoffel zunächst als kostbare Zierpflanze angesehen: hübsch, aber nutzlos. Es dauert auch einige Jahrzehnte, bis die Wachstumsphasen der Pflanze den hiesigen klimatischen Bedingungen angepasst werden konnten.

Letztlich aber setzte sich die nahrhafte Kartoffel durch: Seit dem 18. Jahrhundert  wurde die kohlehydratreiche Migrantin zum europaweiten Hauptnahrungsmittel.

Pommes frites

Pommes frites – die frittierten Kartoffelstäbchen sind übrigens eine Erfindung der Belgier

Wir sind multikulti

Halten wir fest: Wer immer nur im eigenen Saft schmort, wird einseitig und langweilig. Migration ist eine große Chance, über den Tellerrand hinwegzuschauen und die eigene Welt zu erweitern. Ohne Einflüsse von außen gäbe es die sogenannte deutsche Esskultur nicht: Wir sind multikulti.

(br)

1Quelle: Bertelsmann-Stiftung (abgerufen am 28.02.2016)

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