Esskultur und Foodfotografie

Digitales Essen und scheinbare Natürlichkeit

In der digitalen Welt sozialer Netzwerke gewinnt ein Thema zunehmend an Gewicht, das dort nicht unbedingt zu erwarten war: Lebensmittel, ja ganze Mahlzeiten – inszeniert, fotografiert und ab damit ins Netz. Eine Parallele zum allgemeinen Trend zur Selbstdarstellung im Alltag?

Die voranschreitende Veränderung unserer Esskultur durch die Digitalisierung und die damit einhergehende Ästhetisierung von Lebensmitteln ist nicht mehr zu übersehen. Allerorts begegnen uns höchst professionell aufbereitete Bilder von Nahrungsmitteln. Sie glänzen mit perfekter Oberfläche und haptisch ansprechender Textur in effektvoller Ausleuchtung – angeblich alles ganz authentisch und frisch geerntet.

Von der vermeintlichen Natur …

Superfood grüne Äpfel

Doch diese Natürlichkeit ist oft ist nur schöner Schein: denn ein Großteil unserer heutigen Lebensmittel wird industriell produziert, ist also bereits denaturiert. In Backfabriken laufen Brötchen mit optimierter Konsistenz vom Fließband, in Obstplantagen werden Äpfel und Birnen mit Idealmaßen herangezogen.

Lebensmittel müssen heutzutage – abgesehen vom möglichst niedrigen Preis – vor allem den optischen Ansprüchen der meisten Konsumenten entsprechen. Die Außenhaut soll makellos sein, die Farbe intensiv leuchten und alles möglichst fest und prall sein. Damit sind diese Lebensmittel zum Kunstprodukt geworden, Geschmack und naturbelassenes Äußeres stehen hintan.

In ihrer Perfektion und gleichartigen Konfektionierung wirken die nett anzusehenden Produkte jedoch appetitlich und befremdlich zugleich. Denn unterschwellig breitet sich ein zwiespältiges Gefühl aus: Ist diese wohlgeformte Birne tatsächlich genießbar – und handelt es sich bei jenem supergrünen Apfel nicht eher um ein künstliches Dekorationsobjekt?

… zur künstlichen Natürlichkeit

Werden die Nahrungsmittel von professioneller Foodfotografie präsentiert, kann sich der ambivalente Eindruck, es handele sich um eine rein artifiziell hergestellte Natürlichkeit, bis hin zur Entfremdung verstärken.

Denn für die mit digitaler Finesse hergestellten Aufnahmen werden die Lebensmittel meist mit allerlei Hilfsmitteln präpariert, ins rechte Licht gerückt und in ein atmosphärisch ansprechendes Ambiente eingebunden.

Eat Art Blume aus Gemüse

 Foodfotografie als Selbstinszenierung

Die Beschäftigung mit dem Thema Lebensmittel entwickelt sich mehr und mehr zu einem Instrument der digitalen Selbstinszenierung – und damit zu einem Image- oder gar Statussymbol.

Sehr gut abzulesen ist diese Tendenz insbesondere in den sozialen Netzwerken. Hier demonstrieren sogenannte Food-Porns, wie das Nahrungsmittel an sich, seine Verarbeitung und Zubereitung zum beliebten fotografischen Motiv zahlreicher Rezepte-Blogs und Foto-Plattformen wie Instagram und Pinterest avanciert ist.

Neben spontanen Schnappschüssen – etwa des eigenen Frühstücks in der Art eines spontanen Selfies – sind es vor allem professionelle Aufnahmen durchdacht arrangierter Essens-Stillleben, deren selbstdarstellende Komponente nicht zu übersehen ist.

Eat Art Smiley aus Butter und Zuckerwürfeln

Das Lebensmittel selbst ist also längst zum ästhetischen Objekt geworden. Es geht vor allem um das optisch ansprechende Abbild vom Lebensmittel, die Dokumentation des Mittagstellers im Restaurant. Es geht um die zahlreichen Food-Trends, die einander in schneller Folge ablösen und mit denen wir täglich konfrontiert werden: vom Veganismus über Clean Eating bis hin zum Superfood.

Und bei dieser Suche nach dem guten Leben geht es sehr oft eben auch um die Optimierung des eigenen Körpers.

 

FOOD-O-GRAPHY = DIGITAL FOOD

Als jüngste Spielart der Foodfotografie hat sich die sogenannte Food Art entwickelt: die Nahrungsmittel auf dem täglichen Frühstücksteller oder das mittägliche Menü werden dabei als bildhafte Komposition gestaltet. Und die Aufnahmen der meist mit viel Liebe zum Detail angerichteten Tellergerichte finden auf Instagram und Pinterest unzählige Follower.

Food-Artist Ida Skivenes: The Art Toast Project

Ida Skivenes verwendet Toastbrotscheiben gleichsam als Bildträger für ihre essbaren Remakes berühmter Kunstwerke, etwa der Gemälde Edvard Munchs. Als Kunstliebhaberin möchte die Norwegerin ihren Fans mit den Art Toasts gern einen unkomplizierten Zugang zur Kunst vermitteln.

Skivenes verwendet für ihre Ess-Bilder stets qualitätvolle Lebensmittel – und nachdem alles fotografiert und online gestellt ist, verspeist sie ihre Werke genüsslich.

Einen Clip über die Arbeit der Künstlerin, die unter dem Namen IdaFrosk publiziert, findet ihr auch auf YouTube:

Food-Artists: Storytelling durch Essen

Für ihre Tochter begann Samantha Lee im Jahr 2008, die Mahlzeiten witzig und spannend zu gestalten. Ihre in Farbe und Form fantasievollen Kompositionen greifen meist erzählerische Motive auf und regen die Vorstellungskraft des Essers an.

Samantha Lee auf Instagram

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Sarah Phillips, die für ihre Fotografien bewusst auf das von der Norm abweichende, nicht konfektionierte Lebensmittel zurückgreift – und damit einen neuen Blick auf Nahrungsmittel, deren Schönheit, Nahrhaftigkeit oder auch deren Verschwendung eröffnet.

(mv)

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