Esskultur und Gemeinsamkeit

Die Digitalisierung des sozialen Lebens

Seit der Nahrungsmittelkonzern Nestlé seine Studie „So is(s)t Deutschland 2016“ veröffentlicht hat, wissen wir noch ein wenig genauer, wie sehr die Digitalisierung unsere Ernährungskultur beeinflusst. Von der Inspiration fürs Rezept über den Kauf hochwertiger Lebensmittel bis hin zum Teilen des Erlebnisses Mahlzeit – das Internet hat die Nase vorn.

Wieder einmal hat Nestlé uns beglückt. Diesmal jedoch nicht mit einem neuen knusprigen Schokoriegel oder einer innovativen intelligenzfördernden Babynahrung, sondern mit einer Studie zum Essverhalten der Deutschen. „So is(s)t Deutschland 2016“ lautet der Titel der Studie. Was sie uns verrät, regt zum Nachdenken an.

Der Einfluss der digitalen Welt

Es scheint mehr als nur ein Trend zu sein: Die digitale Welt beeinflusst unser Ernährungsverhalten. Sie hat Einfluss darauf, für welche Gerichte wir welche Zutaten kaufen, denn wir suchen Rezepte auf Blogs und in Internetforen. Immer mehr achten wir auf gesunde Ernährung und informieren uns darüber im World Wide Web. Wir achten zunehmend auf die Qualität der Lebensmittel und kaufen sie immer häufiger nicht nur im Supermarkt um die Ecke, sondern auch im Onlineshop.

Restaurant Gericht

Selbstverständlich ein Foto vom Food

Es gehört mittlerweile zum Alltag, ein Foto der eigenen Mahlzeit zu posten – rund 37 Prozent der befragten deutschen Verbraucher haben schon einmal ein solches Foodfoto auf einem der Social-Media-Kanäle geteilt, heißt es in der Nestlé-Studie. Rund 49 Prozent der Befragten haben schon einmal ein solches Foto kommentiert oder weitergeleitet.

Nestlé hat zu seiner Studie übrigens ein Video auf YouTube gepostet. Ihr könnt es euch hier ansehen:

Begleitet von Zutatenlisten und Zubereitungstipps, wird das Internet zunehmend als Quelle der Inspiration genutzt, um Ideen für die eigene Mahlzeit zu sammeln. Und diese Mahlzeit nimmt der Deutsche noch immer sehr gern gemeinsam mit anderen ein.

Gemeinsame Mahlzeit übt soziales Verhalten

Gemeinsamkeit macht Freude. Natürlich regen wir uns auch darüber auf, wenn der kleine Bruder seinen Spinat quer über den Tisch verteilt. Natürlich stört uns das Schmatzen der ältesten Tochter. Natürlich wünscht man sich, dass der Partner die Zeitung zur Seite legt und über seinen Tellerrand hinwegschaut.

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Wichtig ist: Beim Essen mit Freunden und Familie fühlen wir uns aufgehoben und zu Hause. In der Runde von vertrauten Menschen entwickeln und üben wir unsere sozialen Fähigkeiten. Am Esstisch erzählen wir von unserem Tag, unserer Arbeit, unseren Erlebnissen, Meinungen und Erfahrungen. Wir lernen, wie man sich in der Gegenwart anderer Menschen benimmt – Tischsitten kommen nicht von ungefähr.

Gemeinsames Frühstück

Gemeinsamkeit in sozialen Netzwerken

Vor allem die Digital Natives – die mit den digitalen Medien aufgewachsen sind – erweitern die Gemeinsamkeit am Tisch ganz selbstverständlich um die Gemeinsamkeit im Netz. Sie haben Freunde auf Facebook, Follower auf Twitter und Fotokollegen auf Instagram.

Schnell den Schnappschuss des Schoko-Desserts auf Instagram hochladen. Den selbst gebackenen Auberginenauflauf, kaum dass er aus dem Ofen ist, ins rechte Licht rücken, Handy draufgehalten, klick und ab auf Pinterest. Und sollte es einmal erforderlich sein, so klettern wir im Restaurant kurzerhand auf den Stuhl, um den Flammkuchen für unseren Blog ansprechend in Szene zu setzen.

Schokokuchen

Virtuelle Imagepflege

Diese Gemeinsamkeit auf den sozialen Plattformen ist virtueller Natur. Deshalb wird sie aber nicht als weniger wichtig empfunden.

Das reale Gespräch mit realen Freunden und der realen Familie am realen Esstisch kann sie nicht ersetzen. Doch sie eröffnet zusätzlich eine große Welt. In dieser großen virtuellen Welt kann man sich ebenso beachtet und verstanden fühlen – wenn auch nicht so unmittelbar wie in der wirklichen Welt.

Es kommt eben darauf an, wie man gesehen werden will. Und damit kommt es auch darauf an, wie das eigene Essen gesehen werden soll.

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© nikesherztanzt

Innovativ und stylish: Food-o-Graphy

Deshalb ist es von großer Bedeutung, wie die Mahlzeit in Szene gesetzt wird. Ohne digitale Fotografie wäre das Ganze nicht denkbar – und wie entscheidend außerdem das Food Styling sein kann, hat zum Beispiel das Restaurant Catit in Tel Aviv (Israel) erkannt. Gemeinsam mit Carmel Winery hat es Teller entworfen, die eine perfekte Kulisse für das Gericht abgeben.

Der eine Teller ist mit einer Halterung für das Smartphone ausgestattet und an der gegenüberliegenden Seite hochgewölbt. Dadurch blendet er störenden Restauranthintergrund perfekt aus. Der andere Teller lässt sich wie eine Töpferscheibe drehen, so dass das Gericht mit einer kleinen Bewegung aus dem Handgelenk von allen Seiten betrachtet und fotografiert werden kann.

Natürlich haben die Macher auch einen kleinen Clip über die Entwicklung der Teller auf YouTube hochgeladen:

Was könnte eine deutlichere Sprache sprechen? Unsere Ernährung ist unübersehbar Teil unserer Kultur, und sie wirkt bis hinein in unsere Sitten und Gebräuche. Und in unseren Freundeskreis.

I like! Oder?

(br)

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