Der BMEL-Ernährungsreport 2016

Deutschland, wie es isst

1.000 Bürger(innen) ließ das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragen. Die Ergebnisse gelten als repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren. Das renommierte Meinungsforschungsinstitut forsa hat die telefonischen Interviews durchführt. Doch kurz nachdem er veröffentlich worden war, bezweifelte die Verbraucherorganisation foodwatch die Objektivität des BMEL-Ernährungsreports 2016.

»Deutschland, wie es isst«, lautet der Titel der Broschüre, die das BMEL als Ernährungsreport herausbrachte. Mit einem kräftig orangefarbenem Umschlag, auf dem sich die stilisierten Abbildungen zahlreicher Lebensmittel tummeln, hier und da ein, zwei menschliche Figuren bei der gemeinsamen Mahlzeit oder beim Einkauf, und ein stilisiertes Siegel ist auch abgebildet.

Im Innern sorgt eine übersichtliche Darstellung dafür, dass die wesentlichen Informationen schnell erfasst werden: kurze Textblöcke in leicht verständlichen Sätzen, dominiert von Grafiken, die ins Auge springen und die wichtigsten Informationen veranschaulichen. Die Broschüre ist sehr aufwendig und leserfreundlich ausgearbeitet.

BMEL Ernährungsreport 2016

Quelle: bmel.de

 

Die Ergebnisse der Umfrage

Durchgeführt hat das Meinungsforschungsinstitut forsa die Umfrage. In computergestützten Telefoninterviews hat forsa dazu 1.000 Bürger und Bürgerinnen im Alter ab 14 Jahre mithilfe von strukturierten Fragebögen befragt. Was dabei herauskam, klingt nicht nur überraschend, zum Beispiel:

  • Ein großer Teil der Frauen (85%) und mehr als bei den Männer (66%) essen täglich Obst und Gemüse.
  • 77% der Deutschen macht Kochen Spaß und zwar quer durch alle Altersgruppen, doch nur 41% der Befragten kochen täglich. Männer sind dabei eher Kochmuffel: 20% kochen niemals selbst.
  • Ja, mehr Männer (47%) als Frauen (22%) essen täglich Fleisch.
  • Auf Rang eins der deutschen Lieblingsgerichte liegen mit 35% Pasta und Nudeln wie Spaghetti und Spätzle, während sich Fleischgerichte mit 11% noch hinter Salat (15%) wiederfinden.
  • 19% der Befragten wollen Kalorien reduzieren und greifen deshalb zu Lightprodukten. Insbesondere Jugendliche (24% der 14- bis 19-Jährigen) tun das überdurchschnittlich häufig.
  • Die Mehrheit der Befragten kauft fast alles im Supermarkt (59%). 76% ist es wichtig, dass die Produkte aus ihrer Region kommen, und 58% legen vor allem Wert darauf, dass die Produkte preiswert sind.
  • Wenn es um die die Verbesserung der Nahrungsproduktion geht, wünschen sich 86% eine bessere Bezahlung der Bauern und 88%, dass die artgerechte Haltung von Nutztieren mehr beachtet wird.

Die präsentierten  Daten und Grafiken wirken vertrauenswürdig objektiv, informativ und wunderbar bunt.

Ernährungsreport Salat

Salat rangiert in der Beliebtheitsskala sogar noch vor Fleischgerichten

 

Foodwatch übt Kritik

Das sieht die Verbraucherorganisation foodwatch jedoch anders. »Wie Minister Schmidt seinen ›Ernährungsreport‹ manipulierte«, titelte sie auf ihrer Website1 und erhebt einige schwerwiegende Einwände gegen den Ernährungsreport.

Foodwatch wirft dem Ministerium vor, dass Umfrageergebnisse gar nicht erst veröffentlich wurden,  wenn sie dem BMEL nicht ins Konzept passen.

So belegt der vollständige Tabellenband mit den originalen Fragestellungen und Daten der Forsa-Umfrage, dass 83% der Befragten eine klare Gentechnikkennzeichnung von Lebensmitteln „sehr wichtig“ oder „wichtig“ wäre.

Laut foodwatch fehlt dieses Ergebnis in der Broschüre, weil die Große Koalition ihre ursprünglichen Pläne, eine bessere, verpflichtende Gentechnikkennzeichnung auch für Tierprodukte einzuführen, mittlerweile aufgegeben hat.

Des Weiteren kritisiert foodwatch,

  • dass Fragen suggestiv formuliert worden seien,
  • dass die Auswahl möglicher Antworten in Fragen manipulativ gewesen sei,
  • dass manche Ergebnisse manipulativ dargestellt worden seien und sich gar nicht aus den Antworten ableiten lassen,
  • dass die grafische Darstellung an manchen Stellen verzerrt sei und damit einen falschen Eindruck der Ergebnisse liefere,
  • dass sachlich falsche Angaben in den Fragestellungen gemacht würden und
  • dass Schlussfolgerungen aus den Angaben gezogen würden, die in die Irre führten, da sie gar nichts mit der ursprünglichen Fragestellung zu tun haben und auch den Ergebnissen anderer Umfragen widersprechen.
Maisfeld

EU-weit müssen seit 2004 Lebensmittel und Futtermittel, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten, aus ihnen bestehen oder hergestellt wurden, gekennzeichnet werden

 

Das Problem der verzerrten Grafik

Foodwatch führt zu seiner Kritik entsprechende Beispiel und Belege an. Um dem selbst einmal auf den Grund zu gehen, haben wir uns ein Beispiel herausgegriffen: die verzerrten Grafiken.

Dazu die Verbrauchorganisation:

»So ist der Anteil der Befragten, die Ernährungsbildung befürworten, gut doppelt so groß wie der Anteil derer, die – selbst unter der suggestiven Fragestellung – eine höhere Besteuerung von ungesunden Lebensmitteln befürworten. In der Grafik im Ernährungsreport wird die Zustimmung zu mehr Ernährungsbildung jedoch mit einer fast fünf Mal größeren Kreisfläche dargestellt als der Zuspruch zu Steuererhöhungen (S. 28).«2

Um Mengenverhältnisse grafisch darzustellen, wird gerne auf die Kreisfläche zurückgegriffen. Wir kennen das aus Tortendiagrammen.

Das BMEL hat für seine Darstellung jedoch nicht die Größe von Tortenstücken genutzt, um die Mengenverhältnisse zu visualisieren, sondern drei ganze Kreisflächen in Relation zueinander gesetzt. Im Größenverhältnis wirken Kreisflächen jedoch nicht so, wie man es sich für eine solche Grafik wünschen möchte. Deshalb haben die Grafiker des BMEL anscheinend ein wenig nachgeholfen …

Wir verdeutlichen euch das anhand unserer eigenen Grafik. Darin erkennt ihr links unten die Größenverhältnisse aus der BMEL-Broschüre. Rechts daneben findet ihr die wahren Verhältnisse: So verhalten sich die Kreisflächen tatsächlich zueinander, wenn man das Verhältnis der Prozentzahlen entsprechend visualisiert.

BMEL Kreisgrafik Gesunde Ernährung

 

Die Unterschiede sind nicht zu übersehen. Die Verbraucherorganisation liegt mit ihrer Kritik also ganz richtig. Auch die übrigen Punkte, die sie anführt, sind nicht von der Hand zu weisen.

Was also bleibt zu tun?

Zur Untermauerung seiner Kritik verweist Foodwatch auf die Tabellen, die der Broschüre zugrundeliegen. Dort kann sich jeder ein eigenes Bild verschaffen, wie Deutschland tatsächlich isst.

foodwatch BMEL Ernährungsreport 2016 Tabellenband

Quelle: foodwatch.org

Dennoch bleibt es schwierig herauszufiltern, welche Fragen im Einzelnen tatsächlich suggestiv gestellt wurden, welche Antworten manipulativ ausgewählt wurden usw. Nicht jeder kennt die politischen Hintergründe so genau, dass er sich einen Weg durch das Dickicht der Informationen schlagen könnte.

Als Hinweis, dass alle Berichterstattung immer auch ein wenig subjektiv ist, taugt die Kritik von foodwatch allemal. Zugleich hört man in Zukunft vielleicht auch etwas kritischer hin, wenn Bundesminister Christian Schmidt im Vorwort einer Broschüre verkündet:

»Gleichzeitig sind sie (die Antworten auf die Fragen – Anm. d. Autorin) Rückenwind für meine Politik: Denn die Deutschen wollen eben nicht, dass wir den Teller mit Gesetzen vollpacken.«3

 

(ae/br)

 

1Quelle: http://www.foodwatch.org/de/informieren/lebensmittelpolitik/aktuelle-nachrichten/wie-minister-schmidt-seinen-ernaehrungsreport-manipulierte/ (abgerufen am 01.03.2016)
2Quelle: http://www.foodwatch.org/de/informieren/lebensmittelpolitik/aktuelle-nachrichten/wie-minister-schmidt-seinen-ernaehrungsreport-manipulierte/ (abgerufen am 01.03.2016)
3BMEL-Ernährungsreport 2016, Seite 5

 

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