Esskultur und Eat Art

Essen in der Kunst: Genuss für alle Sinne

Der Aspekt der Vergänglichkeit steht meist im Fokus, wenn Esskultur und Kunst in einen Dialog treten. Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse können dabei als Motiv für Malerei, Fotografie und Film dienen. Sie können aber auch selbst zum Material für Skulpturales werden, vor allem wenn sie so genussreich formbar sind wie Schokolade oder Butter.

Lebensmittel haben auf Künstler von jeher eine große Faszination ausgeübt. Schon die niederländischen Vanitas-Stillleben des 17. Jahrhunderts zeigen äußerst verführerisch die genussvollen Seiten des Lebens – und sind zugleich Sinnbilder der Vergänglichkeit (vanitas).

Der nahezu fotografische Illusionismus dieser altmeisterlichen Feinmalerei führt uns Früchte- oder Jagdstillleben vor Augen, dargeboten in üppigen Arrangements. Und doch zeigt sich im Detail der Verfall: hier ein welkendes Blättchen, dort ein Wurmfraß, der die Oberfläche ziert.

Als ansprechend verschlüsselte Botschaft wollen diese Bilder auf einen Gedanken verweisen, der hinter dem Motiv liegt: die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Von der Esskultur zur Eat Art

Auch in der jüngeren Kunstgeschichte spielen die Nahrungsmittel unserer Esskultur eine wesentliche Rolle. So begann in den 1960er-Jahren der Schweizer Künstler Daniel Spoerri seine Fallenbilder zu gestalten: Er fixierte die Reste einer Mahlzeit auf einen Träger und hängte diesen wie ein Gemälde an die Wand. Essensreste wurden damit in die Sphäre der Kunst erhoben.

Derselbe Künstler war es auch, der 1968 in Düsseldorf das Restaurant Spoerri eröffnete – Treffpunkt der damaligen Künstler-Avantgarde aus dem Umfeld der Akademie – und zwei Jahre später den Begriff der Eat Art prägte: Kunst mit und aus Essbarem. Dieses Konzept sollte in der Folge vielfach aufgegriffen und variiert werden – zahlreiche jüngere künstlerische Positionen gründen darauf.

Sinnbild und Sinnlichkeit

Auf den Aspekt der Vergänglichkeit greift etwa die Fotografin Vera Mercer (Jahrgang 1936) zurück, wenn sie in ihrem Atelier die eben noch frischen Lebensmittel zeitaufwendig in Szene setzt.

Mercer, die als junge Frau mit Daniel Spoerri verheiratet war, kombiniert allerlei Gemüse, Obst und tierische Nahrungsmittel mit edlem Tischschmuck und dekorativen Objekten zu opulenten Kompositionen.

Die sinnlich ansprechenden Arrangements fotografiert sie bewusst in einem nicht mehr ganz so frischen Zustand – wenn sich bereits erste Spuren des Vergehens zeigen. Ihre großformatigen Bilder üben dadurch eine ästhetische und zugleich befremdliche Wirkung aus: Sie bewegen sich im mehrdeutigen Spannungsfeld von Betörung und Verstörung.

Vera Mercer auf Instagram

Auch die Medienkünstlerin Pia Maria Martin (Jahrgang 1974) nimmt in einigen ihrer Videoarbeiten Bezug auf die Tradition altmeisterlicher Stillleben-Malerei, etwa im Film Vivace II von 2006.

Indem sie in unzähligen Einzelaufnahmen unterschiedliche Zustände eines Obst-Arrangements aneinander montiert, entsteht ein animiertes Kamerabild. Dieses Bild entwickelt im Laufe des Films ein Eigenleben: dann, wenn Äpfel und Orangen zu verderben beginnen und die Blumen welken.

Veränderung und Vergehen sind hier als zeitlicher Prozess anschaulich. Ein Beispiel ihrer Arbeit findet ihr auf YouTube:

Pia Maria Martin im Kunstmuseum Magdeburg

Schokolade

Lebensmittel als Material

Sonja Alhäuser (Jahrgang 1969) bezieht in ihre großflächigen Konzeptzeichnungen ebenfalls das Lebensmittel-Motiv ein. Die überdimensionalen Zeichnungen sind wie erzählerische Rezepturen gestaltet – dem Betrachter führen sie gleichsam künstlerische Handlungsanweisungen vor Augen, die sich jedoch in einem weit gesteckten Interpretationsraum bewegen.

Spielerisch wertet dabei der künstlerische Blick auf Lebensmittel die tradierten Wahrnehmungskonventionen um.

Vor allem aber beschäftigt sich Alhäuser aus bildhauerischer Sicht mit der Materialästhetik von Essbarem, wenn sie Butter, Schokolade und Marzipan für ihre dreidimensionale Kunst nutzt.

In ihren Skulpturen testet sie die Eigenschaften, Konsistenzen und Texturen der Nahrungsmittel aus. So entstehen verführerische Skulpturen, die zugleich auf die Rituale des gemeinschaftlichen Essens und Feierns verweisen: Die von der Künstlerin selbst zubereiteten Miniaturfiguren und Installationen zieren ihre Bankette nicht nur – sie dürfen und sollen von den Vernissage-Gästen verspeist werden.

Die Verbindung von Schauen und Essen steht als Mittel der Identitätsstiftung und des sozialen Miteinanders im Mittelpunkt von Alhäusers Kunstaktionen, in die der Besucher unmittelbar involviert wird.

Sonja Alhäuser auf Instagram

Die Entstehung ihrer Schokoladen-Skulpturen zeigt Alhäuser auch auf YouTube.

(mv)

Nach oben