Trost aus der Kindheit

Milchreis mit Zimt und Zucker und Beeren

Omas Milchreis-Rezept

Ich habe ein Viertel meiner Weisheit verloren. So könnte ich es der Einfachheit halber ja mal behaupten. Es klingt besser, auf jeden Fall klingt es ein bisschen schnittiger als die schnöde Wahrheit. Denn es war natürlich nicht meine Weisheit selbst (um die kämpfe ich ja noch immer ;-)), sondern ein Weisheitszahn, und ich habe ihn nicht verloren, sondern zugestimmt, dass er gezogen wird.

Ich bin sicher, dass jeder eines dieser unschönen Dramen rund um Weisheitszähne schon einmal erlebt hat. Zumindest kennen viele jemanden, der jemanden kennt, der … Und schon ist man mittendrin in einem Desaster aus Blut und Schmerz und irgendwelchen fürchterlichen Komplikationen. So ein Mist, diesmal hatte es mich getroffen. Murphy’s Law hat’s mir so richtig gezeigt, und damit ging so ziemlich alles schief, was irgendwie schiefgehen konnte.

Was im Übrigen auch dazu führte, dass ich nicht mehr kauen konnte. Ich konnte nicht einmal mehr sprechen, ohne dass der Kiefer schmerzhaft aufflammte. Wer mich auch nur ein wenig kennt, der ahnt schon, dass ich selbst nicht so genau wusste, worin das größere Elend lag: nicht mehr Monologe halten oder nicht mehr kauen zu können.

Zahnarztpraxis

Jedenfalls war’s klare Sache: Weichnahrung musste her – und ich meine damit wirklich Weichnahrung. Sogar Milchbrötchen empfand ich als reines Teufelszeug, solange sie nicht in irgendeiner Flüssigkeit aufgeweicht worden waren. Smoothies wurden meine neuen Freunde. Und cremig gerührte Suppen. Ein Hoch auf meine fürsorgliche Nachbarin, die mich mit einem großen Topf erstklassiger Brokkoli-Kartoffel-Cremesuppe bedachte.

Ein wirklicher Trost aber war das alles nicht. Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach darüber nachgedacht, dass manche Lebensmittel tröstlich und aufmunternd wirken. Bananen machen glücklich, darin sind wir uns einig, und ich bin ebenso ein Fan von Nudelgerichten jeglicher Art. Doch was mir wirklich Trost versprach, war Milchreis – wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne.

Man verklärt ja gern die Erinnerungen an die eigene Kindheit. Ich war deshalb auch nicht sicher, ob Omas Milchreis nicht ebenfalls in die Kategorie der Gedächtniskosmetik gehört. Ich weiß nur, dass ich mich gern daran erinnere, wie sie am Herd stand und unentwegt im Topf rührte: »Niemals aus den Augen lassen!« Dass ich mich schon freute, wenn sie Zimt und Zucker mischte, denn Zimt und Zucker waren unverzichtbar für ein gelungenes Milchreis-Erlebnis. Ich erinnere mich an den Duft der warmen Milch, an das Glitzern der Zuckerkristalle auf dem Milchreis, an die sämige Textur und den süß-exotischen Geschmack. Oma-Geschmack, Kindheits-Geschmack, Trost-Geschmack.

In den vergangenen Tagen war anfangs leider auch Trost-Milchreis ein Ding der Unmöglichkeit. Erst als ich aus dem Sumpf von Selbstmitleid und Schmerz allmählich wieder auftauchte, kramte ich entschlossen Omas Milchreis-Rezept hervor.

Omas Milchreis Rezept

Ja, sie hat es mir mal aufgeschrieben, in dieser unnachahmlichen Art einer 80-jährigen Frau, die seit ihrem 14. Lebensjahr für große Familien gekocht hatte, jeden einzelnen Tag des Jahres. Jeden Morgen begann sie gegen acht mit den ersten Vorbereitungen, schälte Kartoffeln, schnippelte das Gemüse der Saison, würzte das Fleisch oder legte es ein. Verteilte die Zutaten auf Töpfe und Pfannen, rührte hier, schwenkte dort, warf prüfende Blicke in den Ofen. Bis halb zwölf hatte sie jedes Mal für acht bis zehn Menschen eine Mahlzeit mit Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und einen Nachtisch fertig, denn um zwölf wurde gegessen, da gab’s kein Pardon. Ganze Generationen hungriger Bauersleute verließen sich auf sie.

Gedanken über Rezepte machte sie sich schon lange nicht mehr. Mischungsverhältnisse entschied sie aus dem Handgelenk, Garzeiten überwachte sie nach Duft und Kostproben. Und so war es für sie eine echte Herausforderung, mir aufzuschreiben, wie sie ihren Milchreis zubereitete: Es war doch so selbstverständlich! Genau so liest sich auch ihr Rezept: Auf Mengenangaben hat sie gleich ganz verzichtet, steht ja notfalls auf der Milchreis-Packung. Mit der Reihenfolge kam sie ein wenig durcheinander, denn zum einen hatte sie keine Übung im Schreiben, zum anderen hatte sie nie darüber nachgedacht, was wann wo und wie gerührt, gewürzt oder aufgekocht wurde. Sie hat es einfach getan. Ebenso wenig offenbart ihr Rezept ein Wunderwerk der Finesse – es ist ein ganz gewöhnlicher Milchreis, den sie hier beschreibt. Erst mein Kindheitserlebnis macht ihn zu etwas Besonderem. Und trotzdem …

Milchreis mit Fruechten

Ihr Milchreis hatte natürlich nichts zu tun mit diesem Pamps, den man heute in Fertigpackungen kaufen kann. Bäh. Und selbstverständlich muss man Milchreis nicht unbedingt mit Zimt und Zucker zubereiten, sondern kann ihn nach Herzenslust mit leckeren Früchten toppen, zum Beispiel mit Beeren, wie es meine liebste Nike auf ihrem Blog vorgemacht hat.

Omas »Rezept« ist einfach eine authentische Old-School-Variante: wie man Milchreis schon 1912, als sie in die Lehre kam, zubereitete. Mit einem untergerührten Eigelb (was nicht unbedingt erforderlich ist) und eigens aufgeschlagenem Eischnee (unverzichtbar). Also bitte, wieso sollte sie aufschreiben, was so offensichtlich ist?

Weil es meine Erinnerung lebendig hält, Oma. Und weil dein Milchreis mir noch heute ein Trost ist, wenn’s mal richtig mies läuft.

(br)

PS Für den, der Mühe hat, Omas Rezept zu entziffern:

Ich gebe ein kleines
Stückchen Butter in den
Topf, wenn es geschmol=
zen ist etwas Wasser dazu
den Reis hinein bis er
gequollen ist ab u. zu
durchrühren, wenn er
gekwollen ist Milch hinzu
nach u. nach bis der Reis
gar ist. Dann das geschla=
gene Ei hinzu. Zucker
nicht vergessen
Ich habe das Eiweiß
geschlagen zu Schnee dann
wird er schön locker.

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