Genuss aus Überzeugung

Orang Utan Baby

Vom nachhaltigen Leben ohne Schuldgefühle

Heute Morgen lächelte mich von einem Plakat ein Orang-Utan-Baby aus dem Arm seiner Mutter glücklich an, als ich das Nutella-Glas mitsamt seinem Palmöl-Gehalt zurück ins Regal stellte. Im Bioladen klang leise das freundliche Muhen einer Kuh aus kleinen Lautsprechern oberhalb der Regalreihe mit Biomilch. Und am Eier-Stand gackerte glücklich ein Huhn.

Nee, Quatsch, so war es natürlich nicht. Die Wahrheit ist wohl eher, dass sich an mir zahllose Kampagnen zur Rettung der Welt abarbeiten – oft mit Schreckensbildern und einem vorwurfsvollen Unterton. Die Orang-Utan-Babys sind verwaist und gucken traurig auf mich herab, Elefanten, Nashörner und Silberrücken liegen in ihren Blutlachen, und wo einst der Regenwald grün schäumte, steigen nun Rauchfahnen über abgebrannter, abgeholzter, toter Landschaft auf. Gnadenlos werden Tausende von Küken auf Förderbändern zum Schreddern transportiert, der Supermarkt nebenan lässt tonnenweise genießbare Lebensmittel entsorgen, und Weinberge sind längst nicht mehr malerisch, sondern vom Glyphosat verseucht.

Nun bin ich ja ein Mensch mit Überzeugungen. Das hab ich mit dem Rest der Menschheit gemeinsam, es macht mich also nicht zu etwas Besonderem, veranlasst weder zu Bewunderungsstürmen noch zu Jubelsprüngen. Und man könnte davon ausgehen, dass ich mich am wohlsten fühle, wenn ich für meine Überzeugungen eintrete und nach ihnen lebe.

Denn Überzeugungen sind dazu da, die Welt ein wenig lebenswerter zu machen. Wälder und Wiesen sollen blühen, Bienen sollen summen und brummen, und Orang-Utan-Babys sollen sich glücklich durch den Regenwald hangeln.

Bienen im Lavendel

Doch manchmal erscheint mir »die Liste«, die ich mit meinen Überzeugen bearbeiten kann, schier endlos. Energieverschwendung, CO2-Fußabdruck, Klimawandel, Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, Zerstörung der Umwelt, rasantes Aussterben von Tieren und Pflanzen – wir verbocken viel. Dabei liegt es doch in unserer Hand! Und im Blick auf die Zukunft des Planeten, unserer Kinder und allen Lebens möchte ich da natürlich möglichst nachhaltig leben und mich nachhaltig ernähren.

Und bin dabei in die Schuld-Falle getappt.

So kann ich mir Bioprodukte, ehrlich gesagt, nur bedingt leisten, denn die Preise im örtlichen Bioladen sind horrend. Verständlicherweise sind sie das, zugegeben, aber mit Blick auf mein Konto kann ich’s mir nun mal oft nicht erlauben. Nachhaltigkeit wird zum Luxusgut – und Kaffee geht nur noch Fair Trade, weil ich sonst am Elend des Kaffeebauern mitarbeite.

Die Palette der Lebensmittel, die mir ohne Schuldgefühl Lust und Freude bereiten können, wird auf diesem Weg kleiner und kleiner – was mir nicht einmal sonderlich viel ausmacht, denn ich handele noch immer aus Überzeugung. Ein wenig Verzicht erschüttert mich nicht.

Was mir etwas ausmacht, sind die Kampagnen und Ernährungstrends, die mir immer noch mehr Verantwortung, vor allem aber Schuldgefühle aufbürden wollen. Kaum wähne ich mich auf einem guten Weg, nachhaltig zu leben, schon möchte mich eine weitere Kampagne oder ein weiterer Ernährungstrend auf ein neues »Besseresser-Verhalten« einschwören. Gleichgültig, wie konsequent ich meine Ernährung auf ökologische Erzeugung hin ausrichte: In den Augen mancher Weltretter gibt es immer noch einen weiteren Grund, mich schuldig zu fühlen, weil ich schließlich doch nicht nachhaltig genug lebe. Das hat Methode, und es geht mir zunehmend auf die Nerven.

Eine Kuh reckt ihre Nase ins Objektiv

Dabei erscheint es erst einmal doch so simpel! Eier kaufe ich zum Beispiel nur in Bioqualität. Fleisch esse ich höchst selten, und wenn, dann nur aus artgerechter Tierhaltung. Mittlerweile habe ich gelernt, so einzukaufen, dass ich keine Lebensmittel wegwerfen muss. Ich achte darauf, dass die Lebensmittel kein Palmöl enthalten. Und auf meinem Balkon lasse ich bienenfreundliche Blumen blühen.

Anscheinend genügt das nicht. Wenn ich nach der Packung Eier greife, pocht unweigerlich mein Gewissen: Hast du nicht gestern noch gelesen, dass bio auch nicht unweigerlich so toll ist, wie alle meinen? Wie viele Küken wurden wohl in dem Betrieb, aus dem diese Eier stammen, geschreddert? Ich bin informiert, wie sich auch Biohaltung um ethische Grundsätze herummogeln kann: ob ich denn auch an die Tausenden von Hühnern gedacht habe, die für dieses Bioprodukt eingestallt wurden. Und schon stelle ich die Eierpackung wieder zurück.

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Als Alternative vielleicht heute mal Fisch? Öhm, aber die Meere sind überfischt, statt Thunfisch isst man sowieso im Grunde Beifang-Delfin, und Lachsfarmen sind eine einzige Umweltkatastrophe. Also auch kein Fisch, erst recht nicht ohne den Einkaufsführer des WWF.

Wende ich mich also schaudernd ab und kümmere mich um nichts mehr? Ach was, natürlich nicht. Ich wünschte nur, ein Orang-Utan-Baby würde mich mal anlächeln, wenn ich gerade das Nutella mit Palmöl aussortiere. Wahrscheinlich hätte ich nicht einmal etwas gegen ein freundliches Muhen aus Lautsprechern, wenn ich zur Biomilch greife, oder gegen das fröhliche Gackern eines frei laufenden Huhns. Klingt albern, ja, aber hin und wieder würde mir ein wenig positive Verstärkung guttun.

All diese Kampagnen, die unsere Welt verbessern wollen, sind wichtig und notwendig – daran besteht nicht der geringste Zweifel. Ich wünschte nur, sie würden weniger mit Schuldgefühlen, dafür mehr mit Optimismus arbeiten. Wieso denn auch nicht? Aufmunterung spornt doch auch an, vielleicht sogar mehr als die unendliche Flut von Schreckensbildern, Warnungen und Vorhaltungen. Sie muss deshalb ja nicht gleich so sentimental daherkommen …

Wenn wir uns immer nur gegen Vorwürfe und Warnungen behaupten, verlernen wir, Freude zu erleben. Wir drohen Trauerklöße zu werden, umweltbewusst – doch völlig verkrampft und verängstigt.

Es ist an der Zeit, dass ich auch mal wieder Freude und Freiheit zulasse. Ethik ist gut, sie ist nützlich, sie macht mich zu einem verantwortungsbewussten und sozialfähigen Menschen, der nicht blindwütig auf Kosten anderer lebt.

Doch mein Verantwortungsbewusstsein kann mir, auch wenn ich nicht gleich zum Frutarier werde, ebenso Lust und Genuss erlauben – und hin und wieder ein Ei. Kampagnen dürfen mich gern auch einmal mit einer Erfolgsnachricht beglücken, und sei sie noch so klein. Ich richte mich nicht bequem in der Gedankenlosigkeit ein, nur weil ich einen zufriedenen Orang-Utan sehe.

Freie Entscheidungen für Nachhaltigkeit sind auch ohne Schuldgefühle möglich, davon bin ich ebenso überzeugt. Und bei den Eiern bevorzuge ich nun die aus Betrieben mit Zweinutzungshühnern. ;-)

(br)

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