Soylent oder Die Abwesenheit von Freude

A photo posted by Soylent (@soylent) on Jun 23, 2016 at 10:13am PDT

»Soylent Green is people!«, schreit Charlton Heston verzweifelt die schreckliche Wahrheit heraus, während er blutüberströmt auf einer Trage davongeschleppt wird. In dem 1973 entstandenen Science-Fiction-Film »Soylent Green« ist die Erde im Jahr 2022 hoffnungslos überbevölkert, die natürlichen Ressourcen sind erschöpft, Wasser und Nahrung sind knapp und das Klima ist aus dem Gleichgewicht, so dass immerzu quälende Hitze herrscht. Die Nahrungsversorgung der Menschen wird durch künstlich hergestellte Nahrungsmittel sichergestellt, vor allem durch Soylent Green. Diese keksähnlichen Täfelchen verdanken ihre hellgrüne Farbe laut offizieller Version ihrem Hauptbestandteil, dem Plankton.

Denkste. Soylent Green is people! Gruseliger kann es kaum werden, jedenfalls nicht für mein kindliches Ich, das den Film erstmals sah. Soylent Green ist Menschenfleisch, das jagt mir noch heute einen Schauer über den Rücken. Alles so hoffnungslos, so ausgeliefert, so unwiderruflich zerstört – und von Mitgefühl und Miteinander, von Familie und Heimat, von Freude und Hoffnung findet man nicht den Hauch einer Spur.

Doch Rob Rhinehart, der das moderne Soylent entwickelt hat, schätzt künstlich hergestellte Nahrungsmittel und sieht sein »simple, healthy, affordable food«1 als wegweisende Möglichkeit, die Ernährung der Menschheit in der Zukunft sicherzustellen – das sei doch auch die Idee hinter dem Begriff »Soylent«. Sein Produkt gewährleiste eine ausgewogene Ernährung und schone dabei natürliche Ressourcen. Rhinehart glaubt nicht an Biofarmen, er glaubt an Wissenschaft und Technologie. Künstliche hergestellte Produkte seien oft nützlicher als natürliche – und warum sollte der Mensch Salatblätter essen, als sei er ein Tier?2 Rhineharts Ziel ist die Optimierung: der Ernährung, der Gesundheit, des Zeitmanagements, der Leistungskraft – umfassende Selbstoptimierung eben. Normale Mahlzeiten sind für Rob ohnehin eher eine Art Störfaktor, allein Einkauf und Zubereitung der Gerichte beanspruchen seiner Ansicht nach zu viel kostbare Zeit, die man produktiver nutzen könnte.

Kontinuierlich optimiert Rhinehart auch sein Soylent. Als das vegane Pulver erstmals in den Handel kam, zeigte das daraus angerührte Getränk die Konsistenz einer breiigen »Pampe« und eine ebenso gewöhnungsbedürftige Beigefärbung – wie passend, signalisiert gerade Beige doch oft genug die Abwesenheit jeglichen Geschmacks.

Die derzeit (Juli 2016) gehandelte Version Soylent 1.6 Powder und das als fertiges Getränk angebotene Soylent 2.0 sind heller, ähneln farblich schon eher einem Milchgetränk und sind weiterhin sehr sämig. Laut Website enthält Soylent 1.6 Power zu 45% Lipide (Fette und Öle), zu 20% Proteine und zu 35% Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischem Index.3 Die Proteine verdankt es einem Sojaproteinextrakt, in Algenreaktoren werden die Algen-Öle gewonnen, und die Kohlenhydrate liefert die aus Roter Bete extrahierte Isomaltulose. Zugesetzt sind außerdem Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe. Keine Transfette, kein Cholesterin, kein Industriezucker.4

Nun sind Nahrungsmittel in Pasten-, Pulver- und Flüssigform ja nichts Neues – die Reduktion der Ernährung aufs Wesentliche wurde längst auch außerhalb von Science-Fiction-Werken erprobt. Die Astronautenkost der 1960er-Jahre in Form von Energiewürfeln ist legendär. Heute können die Weltraumabenteurer der NASA immerhin unter rund 100 Gerichten und 20 Getränken wählen – gefriergetrocknet oder dehydriert und säuberlich in Plastiktüten abgepackt. Es wurden Notnahrungsmittel wie Plumpy’nut entwickelt, um in Krisengebieten vor allem unterernährten Kindern schnell und einfach helfen zu können. Auf dem Markt tummeln sich, wie könnte es auch anders sein, zahllose Diät-Drinks, die mit ausgewogener Nährstoffzusammensetzung und überschaubarem Kaloriengehalt die Traumfigur versprechen.

Alte Hüte, alles miteinander. Ob sie auf Dauer wirklich gesund sind, darüber rätselt die Forschung bis heute. Schon die Auswirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln – Vitaminpillen & Co. – auf die menschliche Gesundheit sind samt und sonders umstritten.

Was mich an Soylent verblüfft, ist die gewollte Abwesenheit jeglicher Esskultur, jeglichen Genusses, sogar jeglicher Freude. Rhinehart würde ich manchmal am liebsten in den Arm nehmen, ihm übers Haar streichen und in den Schlaf murmeln – was muss der Mann nicht alles durchgemacht haben, wie getrieben muss er sich fühlen, dass er sich nicht einmal mehr die Zeit für eine Mahlzeit nehmen möchte.

Essen ist doch keine Zeitverschwendung! Essen ist mehr als die Notwendigkeit, unseren Körper bei Kräften zu halten. Gemeinsame Mahlzeiten sind fester Bestandteil unseres sozialen Lebens, sogar fester Bestandteil unserer Sozialisation. Wir erfahren Geborgenheit, Freude und Miteinander, während wir das Brot teilen. Wir tauschen Informationen aus, während wir uns die Schüssel mit Pasta-Sauce reichen. Wir lernen soziale Regeln, die sich in unseren Tischsitten spiegeln und zugleich weit darüber hinaus gehen.

Und wenn wir uns keine Zeit mehr für ein leckeres Gericht nehmen, nehmen wir uns keine Zeit mehr für sinnliche Erfahrungen: für Reichtum und Vielfalt von Duft und Farbe, Geschmack und Textur. Für die köstliche Erfahrung, an einem heißen Sommertag ein Eis zu schlecken. Für den wohltuend würzigen Duft eines dampfenden Eintopfs an einem Winterabend. Für den aufmunternd scharfen Biss einer Chili. Für die knackigen Farben eines frischen Salats.

Wie wichtig diese sinnliche Wahrnehmung für unsere Ernährung ist, erkennen wir doch schon an einem kleinen Trick von Mutter Natur: Sie lehrt uns auf diesem Weg Ekel und bewahrt uns dadurch davor, Verdorbenes zu verzehren. Viele der Abenteuerlustigen, die sich zum Selbstversuch mit Soylent aufgeschwungen haben, berichten dasselbe: Auf Dauer erfahren sie auch den Ekel vor dem Ewiggleichen. Nach einer gewissen Zeit bringen sie es kaum noch über sich, die »Pampe« hinunterzuwürgen.

Und nicht minder erstaunt erkenne ich: Soylent muss gar nicht aus Menschenfleisch gemacht sein, um mich zu gruseln. Es muss nur bar jeglicher Freude sein.

Das hat wohl auch Rob Rhinehart bemerkt und sein Marketing angepasst. Mehr und mehr wird Soylent nicht mehr als alleiniges, sondern als ergänzendes Nahrungsmittel dargestellt: wenn die Zeit mal knapp und der Hunger groß ist. Auf der Website präsentiert sich Soylent im Umfeld von Blumen (!) und Früchten in kräftigen Farben, auf Pinterest und Instagram werden Soylent-Rezepte gepostet – mitsamt frischem Gemüse und Obst.

Es ist eben doch schöner und nützlicher, wenn man nicht nur bei Sinnen ist, sondern auch sinnlich erleben darf.

(br)

A video posted by Soylent (@soylent) on Jul 6, 2016 at 11:14am PDT

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1Quelle: https://www.soylent.com/, abgerufen am 12.7.2016
2nach Rhinehart 2013, in: Soylent: How I Stopped Eating for 30 Days
3Quelle: http://blog.soylent.com/post/146357422357/introducing-soylent-16-powder, abgerufen am 12.7.2016
4Quelle: https://www.soylent.com/product/powder/, abgerufen am 12.7.2016