Esskultur in Zeiten des Umzugs

Umzugskarton

Und überhaupt: welche Esskultur?

Uff. Seit gestern ist es geschafft. Der beste Freund ist umgezogen. Was ich dabei am eigenen Leib erfahren habe: Außergewöhnliche Situationen führen zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Und das gilt auch – wenn nicht sogar ganz besonders – für die eigene Ernährung.

Dem besten Freund habe ich natürlich geholfen. Ehrensache. Wer kann oder möchte einen Umzug mitsamt einer Renovierung schon allein stemmen? Und da ich Zeit hatte, habe ich zwei Wochen und einige unwesentliche weitere Tage lang mit angepackt. Ich habe Tapeten von der Wand gerissen und wieder neue angekleistert, die Wände (und mich) schwungvoll mit Unschuldsfarbe gestrichen – und natürlich noch mal nachstreichen müssen. Ich habe Fußleisten gehalten, während der beste Freund sie zurechtsägte, und schmachvoll erkennen müssen, dass ich mich vermessen hatte, so dass wir wieder neu sägen mussten. Ich habe gebohrt, gedübelt und geschraubt, drei- bis acht- bis gefühlte hundertmal Maß genommen, Ikea leergeräumt und Ikea-Kartons geschleppt und geschleppt und geschleppt. Ich habe Möbel zusammengeschraubt, -gesteckt und -genagelt – oder zumindest dabei gehalten – und die Möbel an Wänden aufgestellt, an Wände gehängt oder vor Wände geworfen. Ich habe Schränke und Kommoden leergeräumt, deren Inhalte in Kisten verpackt und verpackt und verpackt und tausendmal geargwöhnt, dass der Buchdruck nur erfunden worden ist, damit ich irgendwann Bücherkisten schleppen muss. Ich habe gewischt, gewienert und gefeudelt. Ich habe natürlich Bücherkisten geschleppt und Gläserkisten fliegen lassen, ich bin vermutlich mehr Treppen hoch- und runtergelaufen als in meinem ganzen bisherigen Leben (vom 3. Stock Altbau *keuch* zog der beste Freund in eine Maisonettewohnung mit einer weiteren, umzugsuntauglich engen Treppe), und ich bin abends nur noch tot aufs Sofa Schrägstrich ins Bett gefallen.

Hammer und Schraubenzieher

Okay, immerhin habe ich ein Sofa Schrägstrich Bett in einer hübschen kleinen Wohnung – und insgeheim hab ich mir während der zwei Wochen öfter mal geschworen, dass ich selbst niemals wieder umziehen werde … Wer’s glaubt.

Ich kann mir ja auch nicht mehr glauben, dass ich in guten wie in schlechten Zeiten auf meine Ernährung achte. Ich muss gestehen: Das gilt wohl nur, bis dass der Umzug uns scheidet. Denn in Zeiten des Umzugs hat es sich mit der gesunden Ernährung so ziemlich erledigt. Schande über mein Haupt.

Dabei war anfangs noch alles in Ordnung. Ich fand morgens ausreichend Zeit und Muße, mir die Kaffeeration und die Mahlzeit für den Tag zuzubereiten. Zum Beispiel den römischen Burger, der in der Regel mit viel Salat und Paprika und einer dicken Scheibe Käse belegt ist, und ich habe darauf geachtet, dass die Zutaten Bioqualität haben. Super. Mit Thermoskanne und Brotdose bepackt, zog ich los, das Tagewerk zu erledigen.

Butterbrot

Doch je länger ich in den Wohnungen, der alten und der neuen, kleckste und riss und mich vermaß, je knapper die Zeit und je größer die Sorge des besten Freundes wurde, er könne die Renovierung nicht rechtzeitig schaffen, desto »unrunder« wurde auch mein Ernährungsverhalten. Morgens noch einen römischen Burger vorbereiten? Keine Chance. Viel zu müde, viel zu eilig. Lieber hurtig in die Socken kommen und weiterschrauben und kleistern und bohren und feudeln und packen. Wenn mein Magen knurrte, stopfte ich hastig eine Banane nach. Oder zwei. Und wenn ich schließlich richtig hungrig war, gab’s schnell was von der Tanke. Von der Tanke? Oh ja, von der Tankstelle mit all ihren To-go-Angeboten.

Oh, Verfall der Esskultur. Den Gipfel des schlechten Gewissens (und der »schlechten« Ernährung) erreichte ich allerdings erst am eigentlichen Umzugstag. Da sollte es doch tatsächlich geschehen, dass ich einen Cheeseburger verspeiste – obwohl ich mir (in glücklichen Vor-dem-Umzug-Zeiten) geschworen hatte, das Zeug niemals wieder anzurühren. Der Burger war auch nicht wirklich lecker und nicht wirklich sättigend und es ging mir gar nicht gut damit. Aber er war eben da. Und: »Der Hunger treibt’s rein«, wie meine Oma gern bemerkte.

Cheeseburger

Meine faule Ausrede: Der beste Freund ist in eine Wohnung gezogen, die von viel Gegend umgeben ist. Sehr viel Gegend. Mir ist das viel zu viel Gegend, aber das ist eine andere Geschichte. Und wo rundherum nur Gegend, dort ist das Food-Angebot recht begrenzt. Dort gibt es eine Tanke und – McDoof, ausgerechnet. Das ist alles. Keine Burger-Bar mit vegetarischem oder veganem Angebot, kein türkischer Imbiss mit Biofleisch, kein Bioladen mit belegten Sandwiches. Unheiliges Fastfood hat in Zeiten von Hunger und Zeitknappheit Konjunktur, glaubt es mir. Alle guten Vorsätze, sämtliche Besser-Esser-Überzeugungen fallen nicht nur kurzzeitig, sondern auch sehr kurzfristig über Bord, wenn der Magen machtvoll knurrt.

Und mir wurde vollends bewusst: Gesunde Ernährung und eine von Genuss geprägte Esskultur sind ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Wer richtig Hunger, aber absolut keine Zeit für Wochenmarkt-Besuche und Herdzaubereien hat, der isst auch mal einen Burger von McDoof.

Und wer nicht weiß, wovon er am nächsten Tag leben wird, der macht sich erst recht keine Gedanken darüber, woher das Fleisch auf seinem Teller kommt. Der denkt nicht über Fragen artgerechter Tierhaltung nach und lehnt sich nicht entspannt zurück, um den Schmaus auf der Zunge zergehen zu lassen. Der nimmt, was er bekommen kann, und isst, was das Zeug hält und der Teller hergibt. Punkt.

Muss ich nun verzweifeln, den Glauben verlieren und meine Esskultur aufgeben? Ach, Quatsch. Aber ein wenig Demut und Dankbarkeit, dass ich mir genussvoll den Luxus einer gesunden Ernährung gönnen kann, werden nicht schaden. Und vielleicht ein besserer Zeitplan für den nächsten Umzug … ;-)

(br)

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