Der verschlossene Container

Der Müllcontainer der Nachbarn einige Häuser weiter ist seit einigen Wochen mit einem Schloss gesichert. Ich bemerkte es nur zufällig und wunderte mich: Wieso jemand seinen Müll einschließen möchte, wollte sich mir nicht recht erschließen.

»Vielleicht sind sie es leid, dass ihr Abfall auf der Straße verteilt wird«, mutmaßte die Freundin. Hm. Soweit ich es beobachte, lebe ich in einem recht »sauberen« Viertel, ohne dass man die Gegend spießig nennen muss. Es ziehen mehr und mehr junge Menschen und Familien mit Kindern hierher, weil der Wohnraum erschwinglich, die grünen Innenhöfe ein Paradies für Kinder, der Park und viele Einkaufsmöglichkeiten gleich um die Ecke zu finden sind. Hier findet sich Leben, aber herumliegender Müll? Eher selten. Auch vor den Zeiten verschlossener Container war das kein Problem in diesem Block.

Hin und wieder sehe ich einen Herrn, der die Mülltonnen durchstöbert. Er geht dabei sehr bedächtig vor, wählt genau aus, was er herausfischt. Im Grunde verhält er sich nicht anders als ich, wenn ich vor dem Supermarktregal stehe. Auch ich nehme dieses und jenes in die Hand, drehe die Packungen hin und her, lese die Angaben der Inhaltsstoffe (und wenn sie zu klein gedruckt sind, stelle ich die Ware wieder zurück – warum sollte ich etwas kaufen, das mir nicht deutlich verraten möchte, was es enthält?).

Nach seiner Schatzsuche räumt der Mann akribisch wieder auf – ehrlich gesagt, habe ich oft den Eindruck, dass das Umfeld der Mülltonnen nach seinem Besuch sogar noch sauberer ist als vorher. Wichtiger aber ist: Was andere als nutzlos und verbraucht fortgeworfen haben, besitzt für ihn noch einen Wert. Doch nun ist einer »seiner« Container verschlossen. Und dann, drei oder vier Häuser weiter, mit einem Mal ein weiterer: sogar mit Eisenketten gesichert. Was befindet sich in einem Müllcontainer, dass man ihn mit Eisenketten sichern möchte? Und wie unpraktisch ist das bloß, wenn der Containerbesitzer selbst schnell etwas in den Müll werfen möchte? Als wollte ich ans Schließfach einer Bank …

Und dann fiel mir das Containern ein. Andere nennen es auch Mülltauchen, Dumpster Diving oder einfach nur Dumpstern. Neu ist der Trend, von weggeworfenen Lebensmitteln zu leben, nicht. So richtig durchgesetzt hat er sich bisher auch nicht. Dumpstern ist wohl einfach mit zu großen Vorurteilen behaftet: Igitt, wie kann man sich nur von Müll ernähren?

Ja, wie kann man nur? Ganz einfach: indem man es tut – und erkennt, dass »Müll« Definitionssache ist. Der Blick in die Mülltonnen offenbart recht schnell: Was darin liegt, ist häufig genießbar, völlig in Ordnung, und es ist manches Mal absolut unverständlich, warum die unverdorbenen Lebensmittel überhaupt im Abfall gelandet sind. Der Inhalt von Mülltonnen gleicht dem Angebot der Supermarktregale, nur dass beim Joghurt in der Tonne das Mindesthaltbarkeitsdatum vielleicht schon zwei Tage überschritten ist, einer der Äpfel eine angefaulte Stelle aufweist oder die Tomaten schon etwas weich sind. Vielleicht waren aber auch einfach nur Geschmack und Konsistenz des Puddings nicht genehm.

Aber ich glaube, der häufigste Grund, weshalb bei uns Lebensmittel im Abfall landen, ist: Überdruss. Manche Menschen sehen keinen Grund, ihre Lebensmittel restlos aufzubrauchen, wenn sie problemlos jederzeit die »knackigere« Variante nachkaufen können. Außerdem kaufen viele Menschen gern über ihren tatsächlichen Bedarf hinaus ein. Anschließend wissen sie weder, wie sie die Einkäufe lange lagern, noch, wann sie das alles essen sollen, haben bald keine Lust mehr auf das Überangebot – und werfen es fort. Vom Überfluss zum Überdruss: sinnlose Lebensmittelverschwendung in Reinkultur.

Lebensmittelverschwendung ist ein ernstes Thema von nahezu unglaublichem Ausmaß. Es ist schlimm. Und dann kommen manche Menschen her und schließen ihre Container ab. Je länger ich darüber nachdenke, desto bestürzter bin ich. Als ich schließlich nach dem Phänomen Containern im Internet suchte, stieß ich auf die rechtlichen Probleme, mit denen sich Mülltaucher auseinandersetzen müssen. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, aber tatsächlich ist das Containern eine rechtlich nicht zweifelsfreie Tat, sozusagen. Es könnte strafrechtlich verfolgt werden – muss aber nicht. Dumpster könnten wegen Hausfriedensbruch angezeigt werden, wenn sie ein Hindernis (Zaun, Tür und Tor usw.) zu überwinden hatten, um zur Mülltonne zu gelangen. Und sie könnten wegen Diebstahls angezeigt werden, denn die Rechtslage ist noch umstrittener, wenn die Frage geklärt werden soll, ob das Wegwerfen mit einer Eigentumsaufgabe gleichzusetzen ist. Irre.

Mülltaucher engagieren sich aktiv gegen Lebensmittelverschwendung – auf die sinnvollste Weise, die ich mir denken kann. Sie reden nicht bloß daher oder schreiben kleine Blogbeiträge, sondern verwerten eben selbst, was andere aus verschiedensten Gründen – vom Unwissenheit über Gedankenlosigkeit bis hin zur Gleichgültigkeit – als Abfall angesehen haben. Natürlich sind mittlerweile Forderungen laut geworden, das Containern zu legalisieren (interessanterweise ist das derselbe Sprachgebrauch, als handelte es sich um den Konsum gefährlicher Drogen). Aber noch bewegen sich Mülltaucher in einer rechtlichen Grauzone. Es sind schon Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls eingeleitet (und auch wieder fallengelassen) worden. Wer sich Nahrung aus der Mülltonne fischt, begeht so etwas wie Mundraub.

Eines Tages beobachtete ich eine weitere befremdliche Szene: Der Müllcontainer eines Supermarktes wurde gerade in einen städtischen Müllwagen geleert. Kiloweise versanken Bananen, Tomaten, Salatköpfe und Brote im dunklen Schlund der Deponie.

Ich frage mich, ob nicht die städtische Tafel die Lebensmittel hätte mit Kusshand nehmen wollen. Ich frage mich, warum wir so verschwenderisch mit dem umgehen, was unter Aufbietung von so viel kostbarer Energie herangezogen und geerntet worden ist. Ich frage mich, wie weit unsere Überheblichkeit noch gehen soll. Und wieso wir so verbissen auch noch das bewachen, was uns letztlich doch nur einen Müll wert ist.

(br)

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