Gib mich die Kirsche!

Rote Süßkirschen

Begeisterung Für ein besonderes Früchtchen

Fußball ist toll, klar. (Für die weniger Fußballbegeisterten: »Gib mich die Kirsche!« ist ein legendär gewordener Ruf des langjährigen BVB-Spielers Lothar Emmerich, wenn er im Eifer des Spiels von seinen Mitspielern den Ball forderte.)

Aber Kirschen, die echten Kirschen, sind toller. Mal ganz davon abgesehen, dass sie hervorragend schmecken, versteht sich. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Sportgerät, wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit Kirschen essen kann: Kirschkern-Weitspucken! Wer wird Sieger? Ich nie, aber einem Freund in Kindertagen gelangen meterweite Rekorde. Ich glaube, er hat sie zwischen seiner Schneidezahnlücke hervorschnellen lassen, das verlieh den Kernen einen besonderen Drive, der sie ewig weit fliegen ließ. Ich habe den Freund sehr bewundert.

Ich selbst hab mich beim Weitspucken sowieso eher zurückhaltend gegeben, denn ich hatte eine Heidenangst davor, dabei versehentlich einen Kirschkern zu verschlucken. »Barbara«, sprach meine Oma regelmäßig mahnend (und ich sehe heute noch ihren erhobenen Zeigefinger vor meinem geistigen Auge wedeln), »verschluck nicht den Kirschkern! Dann wächst dir bald ein Kirschbaum aus dem Popo!« Heiligsmutternächtle, wer will schon, dass ihm ein Kirschbaum aus dem eigenen Hintern wächst? Bei dem Freund, dem mit der Schneidezahnlücke, hätte ich allerdings nichts dagegen gehabt, dieses sensationelle Phänomen zu beobachten. Ich hätte allzu gern die Frage gelöst, wie man mit einem Kirschbaum im Hintern sitzen soll. Die Rätsel der Kindheit sind doch die spannendsten.

Weiße Kirschblüten

Kirschen-Stand

Wir selbst hatten im Garten leider nur Sauerkirschbäume. Deren Früchte waren für meinen kindlichen Gaumen nicht sonderlich verlockend. Unsere Schweine dagegen liebten die Bäume. Denn Schweine sind entgegen der landläufigen Meinung sehr reinliche Tiere und achten peinlich genau auf ihre Körperhygiene. Nach einem genüsslichen Schlammbad, das sie im Sommer auch noch schön abkühlt, lassen sie die Schlammschicht gut antrocknen und rubbeln sie schließlich mithilfe eines Baumstammes wieder ab. Das perfekte Peeling, vor allem wenn man das Ungeziefer aus den Borsten loswerden will.

Nun liebte aber auch meine Oma die Sauerkirschbäume – allerdings nicht als Peelinghilfe, sondern weil man die Früchte so schön einmachen konnte. Oder Marmelade daraus kochen. Oder Kirschkompott. (Im Keller war stets eine lange Regalreihe für die diversen Verarbeitungsvarianten der Kirschen reserviert.) Doch wenn sich die Schweine zu viel schubbelten, verloren die Bäume stellenweise ihre Rinde. Und ein Baum ohne Rinde ist in etwa so lebensfähig wie ein Fisch ohne Kiemen. Oder ein Schwein ohne Haut. Schwierige Situation! Über viele Jahre hinweg lagen Schweine-Liebe und Oma-Liebe im Clinch. Die Schweine gewannen in der Regel. Die Bäume haben das alles trotzdem lange, lange Zeit überlebt und immer wieder Früchte getragen, bestimmt ein halbes Jahrhundert lang, und erst vor wenigen Jahren wurden sie gefällt.

Kirschen einmachen! *seufz* Meine Oma hatte eine besondere Technik, dank der sie mit ihrem Daumennagel die Kerne mühelos – zack! – aus den Kirschen herausschnippte. Das gelang mir so wenig wie Kirschkern-Weitspucken. Ich musste mühsam jeden Kern mit dem Hümmelken – wie sagt man auf Hochdeutsch? Schälmesser! – herauspulen. Kirscheneinmachen liebte ich so gar nicht. Trotzdem bin ich ohne Depressionen durch meine Kindheit gekommen.

Kirschen am Baum

Denn da waren ja auch noch die beiden prachtvollen Kirschbäume, die im Garten meiner Cousins wuchsen. Der eine Baum trug gelbe Süßkirschen, der andere rote. Ich liebte beide (musste sie auch nie einmachen). Waren die Kirschen reif und ich zu Besuch, gab’s kein Halten mehr. Und schon wieder mahnte die Oma: »Iss nicht zu viele Kirschen! Davon bekommst du Bauchweh!« Ha, von wegen. Wie soll man von etwas so Leckerem etwas so Blödes wie Bauchweh bekommen? Geht ja gar nicht. Dumme Oma. Muss doch gesund sein!

Eines Tages erwischte es mich aber doch. Mist! Ich lag auf dem Cousin-Sofa und heulte mich weg vor Bauchweh. Eine Sechsjährige, die auf dem Sofa liegt und schmerzgefrustet brüllt – na toll. Schon wollten die Erwachsenen mir die Kirschen auf Lebenszeit verbieten. Das hat auch bis zum nächsten Tag geklappt, dann war klar, dass ich kein Du-hast-zu-viele-Kirschen-gegessen-Bauchweh, sondern eine Blinddarmentzündung hatte. Trotz der Schmerzen erlebte ich ein inneres Laubhüttenfest – und durfte nach meiner Genesung wieder Kirschen essen, bis ich umfiel. Na ja, nicht ganz.

Sie haben mir gut getan, all die Kirschen, davon bin ich jedenfalls überzeugt. Und sie tun mir heute noch gut! Ausnahmsweise ;-) will ich heute nichts über die Kulturgeschichte der Kirsche erzählen, Urformen und Zuchtformen aufzählen, das Wesen von Steinobst erläutern oder von Kirschblütenfesten schwärmen.

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© nikesherztanzt

Heute versichere ich lediglich: Für eine gesunde Ernährung sind Kirschen perfekt, man kann mit ihnen einfach nichts falsch machen. Sie sind reich an Vitaminen (B1, B2, B6 und C) und liefern viele wichtige Mineralstoffe und Spurenelemente, darunter Magnesium, Kalium, Kalzium, Eisen, Zink, Phosphor und auch noch Folsäure. Die reinsten Gesundbomben – oder auch: Superfood, ;-) genau wie Erdbeeren. Sauerkirschen sind kalorienarm (rund 55 kcal pro 100 Gramm), Süßkirschen nur einen Hauch kalorienreicher (rund 60 kcal pro 100 Gramm). Wenn ihr auf regionale Herkunft achtet, werdet ihr von Juni bis Juli auf den Wochenmärkten und in den Läden fündig: Dann ist in Deutschland Erntezeit. Und wer sie nicht wie ich am liebsten frisch vom Baum verzehrt, dem steht die Welt der Rezepte weit offen. Es ist der helle Wahnsinn, wie viele Kirschen-Rezepte man im Internet findet!

Und was meint ihr, bei wem ich wieder einmal mit Wasser im Mund fündig geworden bin? Jepp, unschwer zu erraten: bei Nike. Ich empfehle dringend, wirklich ganz dringend ihr Rezept für Cherry Chocolate Brownies. Warum? Ach! Ich spreche eben aus Erfahrung … :-)

(br)

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