Ein Herz für Sonderlinge

Plädoyer für krummes Gemüse

»Krummes Gemüse? Das interessiert mich nicht«, sagt die Freundin. Ich stutze. »Allen Ernstes? Du hast kein Interesse an dem Thema?«, frage ich nach. »Doch sicher«, erwidert die Freundin, »ich meine damit nur: Ist mir egal, ob krumm oder gerade. Ich mag die alle, und ich entscheide bestimmt nicht nach dem Aussehen. Gelackt sieht doch sowieso nur nach Retorte aus. Nee, perfekt ist nicht meins. Frisch soll es sein, möglichst bio, alles andere? Ist mir schnurz.«

So denkt die Freundin. Bewundernswert, finde ich, denn damit ist sie eine der wenigen, die dem Verdrehten, Verbeulten, Verkorksten aufgeschlossen gegenüberstehen. Zugleich bin ich verblüfft, wie ausgeprägt ein Scheuklappenblick doch sein kann – nicht der Blick der Freundin, sondern meiner. Denn was bedeutet überhaupt verdreht, verbeult, verkorkst?

Viel zu lange ist es mir gar nicht aufgefallen, dass die Möhren im Bund nahezu identische Form und Größe haben. Ich fand’s einfach optisch ansprechend. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, warum die Kartoffeln auf dem Markt oder im Laden so regelmäßig geformt sind. Dabei hätte ich es nun wirklich besser wissen müssen, habe ich doch oft genug die Herbstferien mit Kartoffelsortieren verbracht: die guten ins Töpfchen, die kleinen fürs Schwein, und die wenigen grünen oder verfaulten wurden wegen Ungenießbarkeit entsorgt. Auf ihre Form aber haben wir nun wirklich nicht geachtet.

Da habe ich mich, gemeinsam mit dem Gros der Verbraucherwelt, über die Jahre ganz fabelhaft einlullen lassen. Denn wie sieht die Verkaufspraxis aus? Kartoffeln, Tomaten, Zucchini oder Zwiebeln – alles schön rund und gleichmäßig, ohne Delle, ohne Macke, eines wie das andere. Zitronen, Äpfel, Birnen und sogar natürlich krumme Bananen: von ausgesuchter Eleganz und Makellosigkeit. Das Auge isst mit, das wissen die Händler, darauf bestehen die Verbraucher. Wahnsinn.

Unser Wohlstandsauge ist schrecklich verwöhnt, geradezu arrogant. Wir beurteilen Obst und Gemüse, als seien sie Artefakte: von Menschenhand sorgfältig geformte Kunstwerke, die ästhetischen Anforderungen genügen müssen. Dabei handelt es sich um Naturprodukte, und der Natur sind unsere ästhetischen Anschauungen nun wirklich piepegal.

Und was ist die Folge? Rund ein Drittel unserer Ernte wird im Vorfeld aussortiert und vernichtet, weil es den ästhetischen Anforderungen nicht genügt. All das Gemüse und Obst ist völlig in Ordnung, es ist frisch und schmackhaft und gesund – es ist lediglich nicht schön genug. Schön! Ich kann mich gar nicht so viel aufregen, wie mir bei dem Gedanken schlecht wird. Besonders gruselt es mich, wenn ich dann erfahre, dass in der ökologischen Landwirtschaft ebenfalls ein Drittel der Ernte aussortiert werden muss. Biogemüse soll natürlich genauso schön sein.

Das ist Irrsinn, blanker Wahnwitz, absoluter Horror. Wir können uns eine solche Lebensmittelverschwendung nicht leisten, weder ökologisch noch ethisch. Ökologisch betrachtet ist es ungeheuerlich, Teile einer Ernte wegzuwerfen, nur weil sie in Größe und Form nicht der Norm entsprechen. Der Norm! Während andere Menschen nach solchen Lebensmitteln im wahrsten Sinne des Wortes hungern. Grotesk.

Doch es regt sich was im Staate. Ganz allmählich nehmen viele Verbraucher ihre Scheuklappen ab. Sie lernen umzudenken, angestupst durch den Einfallsreichtum und die Beharrlichkeit einiger engagierter kreativer Initiativen und Start-ups.
Die Berlinerinnen Lea Brumsack und Tanja Krakowski beispielsweise haben Culinary Misfits gegründet. Sie verwenden ausschließlich krummes Gemüse vom Biobauern, das sie für ihren Catering-Service verarbeiten und in ihrem Laden verkaufen. Sie veranstalten außerdem Workshops für Erwachsene und für Kinder, bei denen sie die vielfältigen Möglichkeiten und Ergebnisse der Zubereitung krummer Gemüse vorstellen – und natürlich für die Einhaltung der 7 Goldenen Misfits-Regeln plädieren:

  1. Esst die ganze Ernte.
  2. Vielfalt statt Einfalt.
  3. Esst nach Jahreszeiten.
  4. Farben auf den Teller.
  5. Esst + kocht gemeinsam statt einsam.
  6. Kauft Gemüse, das ihr nicht kennt.
  7. Kocht mit Herz und Handwerk.1

Bei Etepetete kann man die »Gemüseretterbox« bestellen, die ausschließlich mit krummen Biogemüsen bestückt wird. Auf Instagram finden sich mittlerweile viele Fotos zufriedener Verbraucher, die erst einmal ihre Etepetete-Box fotografiert haben. Oh, einen eigenen Hashtag hat das Ganze natürlich mittlerweile auch: #krummesgemüse. Wenn man die Fotos betrachtet, wird schnell klar: Der Einfallsreichtum der Natur übertrifft menschliche Kreativität noch immer um Längen. :)

Da erfreut schließlich auch eine Meldung wie jene, dass die Supermarktkette Penny die Formenvielfalt von Mutter Natur nun auch ins Sortiment aufgenommen hat. Krummes Gemüse für alle! :)

Und ich? Ich bearbeite fortan jeden Händler und versuche jeden Freund und jede Freundin zu überzeugen, dasselbe zu tun – immerhin bestimmt angeblich die Nachfrage das Angebot. Ich gehe auf den Wochenmarkt und schaue mich nach ineinander verschlungenen Möhren, hakenförmigen Zucchini und abenteuerlich anmutenden Tomatenskulpturen um. Wenn ich nichts finde, frage ich nach. Wo ist es? Wann kommt es? Ich würde es nehmen. Und ich mache klar, dass ich nicht auf das supergeizgeile Schnäppchen aus bin – ich zahle den normalen Preis. Warum auch nicht? Die Qualität ist ja dieselbe. Auch in jeder Supermarktfiliale hake ich nach, ob krummes Gemüse da ist – wenn nein, warum nicht? Das will ich aber. Sonst gehe ich zu Penny, ganz einfach.

Wie gesagt: Schritt für Schritt. Jedes Umdenken erfolgt allmählich. Und mit Beharrlichkeit.

(br)

1 Quelle: http://www.culinarymisfits.de/misfits/, abgerufen am 1.6.2016

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