Der Trend und die Goldmacherkunst

I am pegan

Entzauberung der peganen Ernährung

Vegan hatte ich eigentlich googeln wollen, mal schauen, was sich so tut in der Welt von Fleischkonsum und Fleischverzicht. Doch Google, diese allwissende Wundertüte, die immer wieder mehr über mich weiß als ich selbst, fragte zuvorkommend: Meintest du vielleicht pegan?

Öhm, wie, was, pegan: Hatte Google sich etwa von der eigenen Autokorrektur ein Schnippchen schlagen lassen? Das hätte ich gut nachvollziehen können, mich verwirrt die Autokorrektur mit ihren seltsamen Vorschlägen auch oft genug.

Mein Forscher- und Entdeckergeist war geweckt – ebenso wie meine Rebellenseele. Kurzentschlossen ließ ich mich auf das Abenteuer von Diskussion und Erkenntnis ein und erlaubte Google mit übermütigem Klick, mir die Ersatzsuchergebnisse aufzuführen. Und schau an, wahrhaftig, seit einiger Zeit war ein weiterer Trend unterwegs: pegane Ernährung. Mir schwante die nächste Schublade – was lag wohl drin?

Früchte

Quellenforschung: von allem nur das Angenehmste

Überraschung: grundsätzlich nix Neues. Der wackere (und bestimmt sehr geschäftstüchtige) Dr. Mark Hyman, ein US-amerikanischer Mediziner, hatte die Meinung geäußert, es sei doch sehr viel vernünftiger und vor allem viel, viel gesünder, vegane Ernährung und Paleo-Diät miteinander zu kombinieren.

Oha! Müssten da nicht jedermanns Alarmglocken schrillen? Denn den Veganern geht es ja nicht allein um ihre Gesundheit, sondern vor allem um eine Lebensphilosophie: Sie wollen Tieren kein Leid zufügen und verzichten deshalb auf sämtliche tierische Produkte, auf Fleisch und Fisch sowieso, aber auch auf Honig und Milch, Käse und Eier – und die ganz konsequenten unter ihnen beschränken diese Haltung nicht nur auf ihre Ernährung, sondern lehnen beispielsweise auch Kleidung und Schuhe aus Wolle und Leder ab.

Dagegen schwört die Steinzeiternährung auf Fisch und Fleisch und alles, was der Mensch sich, lange bevor er sich »zivilisiert« benahm, in den Mund geschoben hat, wie Gemüse, Nüsse und Obst. Tabu sind den Paleo-Anhängern dagegen stark verarbeitete Produkte – zum Beispiel raffinierter Zucker und erst recht Fertiggerichte –, glutenhaltige Getreide und auch Milchprodukte, weil der Steinzeitmensch, dieser jagende Hallodri, die Nutztierhaltung noch nicht kannte.

Mix it: Grundregeln der peganen Ernährung

Pegane Ernährung wurde als »noch gesündere« Kombination aus Paleo-Diät und veganer Ernährung konzipiert, und so mixen Peganer ganz munter und unbeschwert die To-eat-Listen beider Ernährungstrends. Sie achten dabei auf eine Ernährung, die

  • grundsätzlich einen niedrigen glykämischen Index aufweist, also keine raffinierten Zucker, stattdessen Obst beinhaltet;
  • nur natürliche, unverarbeitete Lebensmittel berücksichtigt und sämtliche Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe ausschließt;
  • überwiegend aus Gemüse besteht;
  • Omega-3-reiches Olivenöl erlaubt, darüber hinaus die Versorgung mit Fetten durch den Verzehr von Nüssen, Avocados und Kokosnüssen vorsieht;
  • Milchprodukte meidet;
  • nur glutenfreie Produkte beinhaltet;
  • Hülsenfrüchte auf die maximale Menge von einer Tasse pro Tag reduziert;
  • Honig, Ahornsirup und Kokosblütenzucker sowie
  • Fleisch und Fisch in Maßen (als Beilage zum Gemüse) zulässt.

Melone mit Schinken

Mundgerecht, nicht überzeugend

Aha. Ich will mal so sagen: Das ist bis auf wenige Einschränkungen nichts großartig anderes als die ausgewogene vollwertige Ernährung, die die DGE ohnehin seit eh und je empfiehlt. Und überhaupt: Pegane Ernährung wirkt auf mich wie das perfekte Hintertürchen für all jene, die vegan grundsätzlich »ganz toll!« finden (schon aus Gründen des Lifestyle, da fühlt man sich gleich besser), aber denen der Fleischverzicht, um den es Veganern aufgrund ihrer ethischen Haltung geht, dann doch zu starker Tobak ist.

Das erinnert an mittelalterliche Goldmacherkunst: ein Alchemist auf der Suche nach dem Stein der Weisen, der alles in Gold verwandelt, was er berührt. Und so leiht sich der Herr Doktor mit seiner Wortschöpfung pegan geschickt den ethischen Nimbus der Veganer aus, wirft aber inhaltlich deren grundlegende Überzeugung schwungvoll über Bord und nimmt mit dem Ausruf »Gesund!« Fleisch und Fisch wieder ins Konzept auf. Rasch noch ein neues Trend-Label aufgepappt, dezent auf das Doktorschildchen am Kittel verwiesen (»Ich bin Experte«), und schon ist die »Idee« bereit, allen Gläubigen als Gesundbrunnen angepriesen zu werden. Nicht neu, aber bestimmt einträglich: nette Geschäftsidee.

So richtig hat sich pegane Ernährung bisher allerdings nicht durchsetzen können. Was Herrn Dr. Hyman natürlich nicht anficht, und so hat er längst einige weitere Bücher herausgebracht – und darin zielsicher sämtliche Schlagwörter versammelt, die den Menschen auf der Suche nach gesunder Ernährung (und Identität) so verzaubern: Detox und Diät, schlank und fit werden, gesund bleiben, Krankheiten vorbeugen, kurzum: die ganze Großartigkeit des eigenen Seins mundgerecht verpackt – mit langem Haltbarkeitsdatum, versteht sich.

Das ist wahrscheinlich vor allem eines: enorm lukrativ. Überzeugend aber ist es nicht.

Kleiner Seitenhieb am Rande: Auf seiner Internetseite1 lässt Hyman unter anderem einen gewissen Bill Clinton für sich werben – und was wir von dessen Wahrheitsliebe halten dürfen, ist ja nun wirklich Legende: »I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky …«

(br)

1 http://drhyman.com, abgerufen am 12.05.2016

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