Krabbeln im Bauch

Heupferd

Insekten – die Nahrung der Zukunft

Irgendwo in Afrika. Konzentriert pult der Junge eine fette weiße Made aus dem Stamm und schiebt sie sich genießerisch in den Mund. Schmatzend verspeist er seinen Fund, strahlt danach in die Kamera. Diese Szene, die ich als Kind in einem Dokumentarfilm verfolgen konnte, hat sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben. Noch heute schwanke ich bei dem Gedanken daran zwischen Faszination und Grausen. Im Grunde sah der Junge aus, als würde er einen Marshmallow verzehren. Nur dass dieser Marshmallow lebte.

Igitt! Allein der Gedanke, eine sich windende Made könnte sich meinem Mund auch nur ansatzweise nähern, jagt mir einen Schauer nach dem anderen über die Haut. Oder ein Insekt mit krabbeligen Beinen – stellt euch nur vor, es würde im Bauch weiterkrabbeln! Uuaah. Schubber. Lieber nicht.

Ekel, so heißt es, ist angelernt (und damit vermutlich auch das Entsetzen, das mit dem Ekel einhergeht). Und es ist alles andere als einfach, diesen Ekel zu überwinden. Keine Verhaltenstherapie der Welt, da bin ich sicher, könnte mich neu konditionieren, so dass mir beim Anblick einer Made oder einer Heuschrecke das Wasser im Mund zusammenläuft.

Schande über mein Haupt, das ist so blöd von mir. Insekten gelten als das Nahrungsmittel der Zukunft – aus guten Gründen. Aus so guten Gründen, dass die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) den globalen Verzehr von genießbaren Insekten sogar fest ins Auge fasst. Für ein Drittel der Menschheit sind sie bereits eine selbstverständliche Nahrungsquelle, denn sie liefern hochwertige Proteine aus sämtlichen essenziellen Aminosäuren, außerdem enthalten sie ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Ebenso hat die Zukunftsstudie von Nestlé ergeben, dass wir uns auch hier, in Deutschland, eine Ernährung mit Insekten-Gerichten vorstellen können – viele reagieren zögerlich, sehen Insekten aber trotzdem als praktikable, nahrhafte Alternative zum gewohnten Rind- und Schweinefleisch.

Insekten gegen den Hunger der Welt

Noch heute müssen viele Menschen hungern. Angesichts des Nahrungsüberflusses, den die Industrieländer genießen, und der Unmengen an Lebensmitteln, die wir hier fortwerfen, obwohl sie noch essbar sind, ist das eine Schande. Dabei werden im Jahr 2100, so die Schätzungen, nicht mehr nur 7 Milliarden, sondern 11 Milliarden Menschen auf diesem Planeten satt werden wollen.1 Elf Milliarden! Wie soll das funktionieren? Auf welcher Fläche, mit welchem Wasser und welchem Futter wollen wir so viel Nutzvieh züchten, dass jeder mit ausreichend Proteinnahrung versorgt werden kann?

Die ökologischen und ökonomischen Vorteile genießbarer Insekten gegenüber Rindern, Schweinen und Hühnern sind wirklich beeindruckend: Sie benötigen sechsmal weniger Futter als Rinder, viermal weniger als Schafe und nur die Hälfte wie Schweine und Geflügel, um dieselbe Menge an hochwertigem Protein zu produzieren. Außerdem geben sie weniger Treibhausgase als unser gewohntes Nutzvieh ab – ein Vorteil, der in Zeiten des Klimawandels nicht zu unterschätzen ist. Insekten benötigen weniger Wasser und darüber hinaus keine Weideflächen: Sie können ebenso gut auf Bioabfällen kultiviert werden.2

Esskultur – der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Das überzeugt mich, meinen Widerwillen besänftigt es allerdings noch nicht. Doch wir müssen Alternativen finden, da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch wenn alle Menschen zur vegetarischen Ernährungsweise wechseln würden, hilft es uns nicht weiter. Die Ackerfläche, die erforderlich wäre, um ausreichend Proteine aus Pflanzen zu kultivieren, steht uns auf dem Planeten nicht zur Verfügung.3 Für eine ausgewogene, gesunde Ernährung benötigen wir jedoch nun einmal Proteine.

Unsere Kinder und Enkel könnten Insekten bereitwillig als Nahrung annehmen, sie müssen nur von frühester Kindheit an entsprechende Erfahrungen machen, also daran gewöhnt werden. Mit verfeinerter Esskultur oder gar einer angeblich höher entwickelten Form von Kultiviertheit hat es jedenfalls nichts zu tun, Insekten abzulehnen. In vielen Ländern Asiens und Afrikas ist es seit eh und je üblich, Krabbeltiere zu verzehren, manche gelten sogar als begehrte Delikatesse.

Auch hierzulande hat man vor nicht allzu langer Zeit Insekten verspeist. Meine Oma hat mir oft genug von der Maikäfersuppe erzählt, die sie als Kind gegessen hat – nicht mit Abscheu, sondern mit Appetit. Und mal ehrlich: Es ist auch nicht sonderlich ästhetisch, eine schwabbelige Auster auszuschlürfen.

Maikäfer

Das Tier und seine Rechte

Aber wie sieht es denn mit dem Tier selbst aus? Die Massenhaltung und -schlachtung von Nutztieren ist in meinen Augen rücksichtslos und unverantwortlich. Das Vergasen und Schreddern von Küken, die angeblich nicht lebensfähig oder einfach mit dem »falschen« Geschlecht geboren worden sind, ist schlicht und ergreifend barbarisch. Ich bin so wütend und entsetzt, wenn ich daran denke, dass mir bis ins Mark schlecht wird. Und ich weigere mich, ein solches Blutbad auch noch durch meinen Fleischkonsum zu unterstützen.

Könnte ich es denn mit Insekten? Haben die weniger Anrecht auf »schonende« Behandlung? Seltsamerweise habe ich noch nie gelesen, dass sich jemand darüber Gedanken gemacht hat. Dabei ist der Umgang mit Tieren ein so weites Feld, dass sich in vielen Forschungsbereichen Menschen damit beschäftigen. Der Philosoph Peter Singer zum Beispiel fordert schon seit Langem, Tieren ebenfalls Grundrechte einzuräumen. Singer wird sehr kontrovers diskutiert, doch deshalb muss man seine Idee nicht gleich als kolossalen Humbug abtun. Sein Ansatz taugt auf jeden Fall dazu, unsere ethischen Grundsätze zu hinterfragen.

Im Hinblick auf den Verzehr von Insekten habe ich – ebenfalls in einer Doku – gesehen, wie in einem Restaurant Maden in eine Pfanne geworfen wurden. Es sah so aus, als seien die Tiere bei lebendigem Leibe geröstet worden. Meine Abneigung gegen sich windende Insekten mal beiseite gelassen, so kann ich mir nicht helfen: Wäre das etwa rechtens?

Das Auge isst mit: Zubereitung und Darbietung

Insekten sollte man vor der Zubereitung abtöten, indem man sie einfriert oder in kochendes Wasser wirft.4 Das finde ich bei Hummern unerträglich, bei Insekten pocht mein Gewissen nicht weniger. Nun besitzen Insekten zwar kein Nervensystem wie Säugetiere – ob sie deshalb aber auch keinerlei Schmerzen empfinden, ist bis heute nicht restlos geklärt. Da ihr Organismus über Schmerzrezeptoren verfügt, nehmen sie Schmerzreize vermutlich wahr – sie erleben den Schmerz jedoch nicht bewusst, wie es bei Säugetieren und vor allem Menschen der Fall ist.5 Auch wenn mich das nicht vollends tröstet, so tötet sie das Einfrieren oder Abkochen zumindest zuverlässig und schnell – ähnlich wie bei artgerechter Tierhaltung auch die Schlachtung stressarm und schnell ausgeführt werden kann.

Nun isst das Auge bekanntlich mit. Auf asiatischen Märkten sind die Einheimischen vom Anblick der Spieße mit frittierten Insekten so angetan, als wäre es Zuckerwatte. Europäer verziehen dagegen das Gesicht. Um uns ungeübten Konsumenten zu helfen, unseren Widerwillen zu überwinden, wird man uns wahrscheinlich Insekten überwiegend in verarbeiteter Form anbieten, zum Beispiel als Paste, Mehl oder fertigen Keks: Dem sieht man nicht an, woraus er gebacken wurde. Der Rinderhack-Frikadelle des allseits beliebten Burgers schauen wir ja auch nicht mehr ins Auge.

Trotzdem. Menschen haben einen Hang zur Massenproduktion. Ich sehe schon das nächste Barbarentum auf uns zurollen. Grundgütiger.

(br)

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1Quelle: United Nations, World Population Prospects. Revision 2015 (PDF), abgerufen am 10.5.2016

2Quelle: FAO, Edible Insects, abgerufen am 10.5.2015
FAO, Der Beitrag von Insekten … (PDF), abgerufen am 10.5.2015

3Quelle: ZEITmagazin, Her mit der Wurst!, Punkt 4, abgerufen am 10.5.2015

4Quelle: Das Erste, Rezepte für Insekten, abgerufen am 10.5.2015

5Quelle: Das Erste, Wie empfinden Tiere Schmerzen?, abgerufen am 10.5.2015