Wenn morgen meine Konsumwelt unterginge

Fleischtheke

Bekenntnisse einer gelegentlichen Fleischkonsumentin

Wenn morgen die Konsumwelt unterginge und ich gehörte – aller Wahrscheinlichkeit zum Trotze – zu den Überlebenden, ich hätte nicht lange etwas davon. Ich würde mehr oder weniger auf der Stelle verhungern. Denn ich bin eine dieser Wohlstandsverwöhnten, die es gewohnt sind, sämtliche Nahrung dort zu besorgen, wo die Welt es gemeint hat: im Laden. Supermarkt, Bioladen, Bäcker oder auch der Wochenmarkt: alles von anderen angebaut, geerntet, portioniert und mir nun nahezu mundgerecht unter die Nase gehalten. Ich muss nur noch zugreifen – und natürlich das nötige Kleingeld bereithalten, versteht sich.

Wenn morgen die Konsumwelt unterginge und ich eine der Überlebenden wäre, ich könnte nicht von einem Tag auf den anderen für mich selbst sorgen. Obwohl ich damals, vor vielen Leben, auf einem Bauernhof aufgewachsen bin und sogar ein grundlegendes Wissen darüber besitze, was wie in welcher Fruchtfolge angebaut wird. Mein größtes Problem aber wäre: Wie sorge ich für Fleisch – soll ich etwa ein Tier töten??

Kühe auf der Alm

Ich könnte das nicht. Ich bin, so sieht es wahrscheinlich der gemeine Landwirt und wohl erst recht der gemeine Jäger, viel zu verweichlicht und zu verwöhnt. Hin und wieder kaufe ich ein Stück Fleisch beim Natur-Verbund-Metzger meines Vertrauens, und zwar ausschließlich dort. Denn dort weiß ich zumindest, dass es dem Tier zu Lebzeiten einigermaßen gut ging, keine Qualhaltung, keine Brutalschlachtung im Akkord.

Aber selbst einem Tier ein Bolzenschussgerät an den Kopf halten und abdrücken? Kommt nicht infrage. Ich könnte es zerlegen (wenn mir jemand zeigt, wie das funktioniert, ist ja auch nicht so einfach). Doch es töten: undenkbar. Ich erschlage ja nicht mal eine Fruchtfliege, sondern rette sie meist aus dem Weinglas (die bekrabbeln sich erstaunlich oft, auch wenn sie so aussehen, als seien sie schon vor Stunden weinselig ertrunken). Jede Spinne wird erst mit einem Entsetzensschrei und dem »Tanz mit aufgestellten Nackenhaaren« begrüßt, dann wird umgehend der Freund oder die Freundin beauftragt, sie wieder in die freie Natur hinauszutragen.

Wer Fleisch essen will, der sollte das Tier auch töten können, lautet eine alte Jägerweisheit. Nein, ohne mich. Ich bin verwöhnt, ich weiß. Ich will aber auch gar nicht so oft Fleisch essen. Das ist vermutlich ebenfalls eine Form des Verwöhntseins – ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn ausreichend alternative Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Auf dieser Erde leben mehr als genug Menschen, die hungern. Meist haben sie nicht einmal eine Handvoll Reis am Tag, von einem Stück Fleisch wagen sie gar nicht erst zu träumen. Sie würde nicht lange fragen, woher das Fleisch kommt, sie würden es eben essen. Ich würde es, wäre ich nicht so verwöhnt, wahrscheinlich auch tun.

Hühnerhof

Fleisch liefert wichtige Vitamine (B1, B6, B12) und Mineralstoffe. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) empfiehlt einen gemäßigten Fleischkonsum: Mehr als 300 bis 600 g Fleisch oder Wurst pro Woche sollten es nicht sein. Für eine gesunde Ernährung ist Fleisch zwar nicht unbedingt notwendig, wie jeder Vegetarier oder Veganer vorlebt, doch es ernährt den Menschen gemeinhin sehr gut. Wissenschaftler vertreten die Auffassung, im Verlauf der Evolution vom frühen Hominiden zum Homo sapiens habe der erhöhte Fleischkonsum entscheidend dazu beigetragen, dass sich das menschliche Gehirn zu heutiger Größe und Leistungsfähigkeit entwickeln konnte. Allerdings bedeutet das nicht, das unsere Ahnen jeden Tag mehrere fette Steaks verputzt haben. Immerhin mussten sie über Jahrtausende hinweg – bis vor rund 10.000 Jahren, als die ersten Ackerbauern und Viehzüchter auf den Plan traten – ihr Fleisch erst einmal erjagen. Jagderfolg war und ist nicht alltäglich, mal ganz davon abgesehen, dass die Jagd selbst enorm viel Kalorien verbraucht. Mit unserem heutigen Fleischkonsum konnten die prähistorischen Jäger jedenfalls nicht mithalten, nicht im Mindesten.

Überhaupt: unser heutiger Fleischkonsum. Wenn man die Empfehlung der DGE hochrechnet, kommt man auf einen Verzehr von rund 31 kg pro Jahr. Maximal. Laut dem Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie lag der Pro-Kopf-Verzehr der Deutschen im Jahr 2014 aber tatsächlich bei rund 60 kg Fleisch. Rechnet man Futter, industrielle Verwertung, Abfälle usw. hinzu, betrug 2014 der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch rund 88 kg.1

Für diesen Fleischkonsum müssen Tiere getötet werden. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2015 rund 59,3 Millionen Schweine und 3,5 Millionen Rinder geschlachtet. Millionen, wohlgemerkt. Die Zahlen für Geflügel gibt das Statistische Bundesamt in seiner Pressemitteilung schon gar nicht mehr in »Tier-Einheiten«, sondern nur noch in Tonnen an. Anhand der Tabelle 41322-0002 der Destatis-Datenbank Genesis-Online kann man schließlich errechnen: Rund 716 Millionen Geflügeltiere wurden 2015 geschlachtet. Oh Mensch.

All die Tiere müssen erst einmal gezüchtet, gehalten und gefüttert werden. Und dabei auch noch Gewinne abwerfen. Welches bedenkliche Ausmaß das annehmen kann, legt auch der Fleischatlas 2016 dar, den der BUND gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben hat.

In Deutschland reduzieren demnach immer mehr Verbraucher ihren Fleischkonsum, achten auf artgerechte Tierhaltung und sind bereit, für nachhaltig produziertes Fleisch auch höhere Preise zu bezahlen. Allerdings erfolgt der Gesinnungswandel nur langsam, und die Fleischerzeugung landet ja nicht allein auf dem Binnen-, sondern auch auf dem Weltmarkt. Die Exporte steigen.

Die Massenhaltung und -schlachtung gequälter Geschöpfe ist vor allem deshalb möglich, weil insgesamt noch immer so viele Verbraucher das preiswerte (»erschwingliche«) Stück Fleisch bevorzugen – und das bitte täglich, wenn möglich. Und weil sie nicht sehen, was dem Tier angetan worden ist, sondern das portionierte Fleisch aus der Tiefkühltruhe angeln können: bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet und abgepackt. Ich plädiere für Schockfotos nicht nur auf Zigarettenschachteln, sondern auch auf Fleischpackungen.

Marktstand

Wenn morgen die Konsumwelt nicht untergeht und ich immer noch lebe, so bevorzuge ich weiterhin überwiegend vegetarische Ernährung, ab und an ergänzt durch ein hochwertiges und dadurch eben auch hochpreisiges Stück Fleisch von einem artgerecht gehaltenen Tier. Mein Gehirn ist mir – aus Sicht der Evolution betrachtet – groß genug.

Wenn morgen meine gewohnte Konsumwelt unterginge und ich trotzdem überleben würde, vielleicht könnte ich Insekten essen? Die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) sieht ohnehin in Insekten eine Nahrungsquelle der Zukunft. Insekten liefern hochwertige Proteine sämtlicher essenzieller Aminosäuren, enthalten Vitamine und Mineralstoffe. Könnte ich denn Insekten töten? Wenn ich da an die Fruchtfliege in meinem Weinglas denke … oha. Aber Insekten als Nahrung – das ist eine andere Geschichte. Für einen anderen Tag. Sofern die Konsumwelt dann noch besteht.

(br)

1Quelle: http://www.bvdf.de/in_zahlen/tab_05, abgerufen am 3.5.2016

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