Parallelwelten in der Esskultur 2

Surrogates

Der Mensch auf der Suche nach Anerkennung

Die begeisterte Annahme der sozialen Medien erinnert mich manchmal an diesen Sci-Fi-Thriller mit Bruce Willis (ja, ich gebe es zu, für den ich ein gewisses Faible hege: Yippie-ya-yeah, Schweinebacke). Der Film ist nicht sonderlich gut umgesetzt, aber die Idee, die dem Drehbuch zugrunde liegt, hat es in sich.

In der Zukunft lassen sich die Menschen in der Öffentlichkeit durch Surrogates, humanoide Roboter, vertreten. Diese Avatare erledigen alles stellvertretend: vom Einkauf bis hin zum Date. Die Menschen selbst bleiben in ihren Wohnung, mit ihren Surrogates vernetzt und über sie kommunizierend. Lediglich eine Minderheit verfügt nicht über diese Ersatzmenschen – diese sozial benachteiligte Minderheit lebt in gesonderten Bezirken, die an Ghettos erinnern.

In dieser Gesellschaft ist es normal, sich selbst von der Außenwelt zu isolieren und die Surrogates in die Welt zu schicken. Es ist normal, die eigenen menschlich allzu menschlichen Unzulänglichkeiten zu verbergen und und stattdessen als perfekter Surrogate in die Welt zu treten. Wird ein Avatar verletzt, hat das keinerlei Auswirkungen auf das Wohl und Wehe seines Menschen.

Dank ihrer Surrogates fühlen sich die Menschen sicher, körperlich und seelisch.

Humanoid

Es wäre kein echter Bruce-Willis-Streifen, wenn dieser Sicherheitsglaube nicht in die Irre führte und der Held nicht antreten müsste, um in temporeicher Action die Welt zu retten. Im Film stellt sich heraus, dass die Surrogates trotz aller Sicherheitsvorkehrungen so verletzbar sind, dass auch ihre Menschen sterben.

Die Parallelen zur Foodfotografie springen (zumindest mir) ins Auge. Wir laden ein Foto von unserer Mahlzeit hoch und teilen sie damit mit einer großen Gemeinschaft – während wir sie in einer sehr viel kleineren Runde oder vielleicht sogar allein verzehren. Anscheinend hängt auch das Vergnügen, Fotos vom eigenen Essen in sozialen Netzwerken zu posten, mit einem Bedürfnis zusammen – und zwar mit dem elementaren Bedürfnis nach Gleichgesinnten und deren Anerkennung.

Der Mensch ist von Natur aus ein Herdentier. Instinktiv sucht jeder von uns Anschluss an eine Gruppe. Ich suche mir einen Kreis von Freunden und Interessenten und biete ihnen, was uns erfreut. Dafür erhalte ich Lob und Zuspruch und so viele Likes, wie mein Herz begehrt.

Schöne neue Welt.

Eintopf

Die Gefahr, abgelehnt zu werden, ist in der digitalen Welt zunächst in gewisser Weise … unwirklich. Vielleicht trösten sich die Menschen mit der Vorstellung, digitale Ablehnung träfe nicht so sehr und unmittelbar wie eine direkt ins Gesicht gesprochene Kritik. Könnte doch sein?

Auf den ersten Blick stehen wir vor einer Weiche: zukünftig im Hier und Jetzt zu leben – oder in der Parallelwelt des World Wide Web. Schon jetzt stellen manche Menschen lieber Foodfotos ins Netz, statt gemeinsam am Tisch die Speisen live zu genießen und zu bequatschen. Sie »parshippen jetzt«, *blankerhorror* statt sich auf einem Konzert, einer Party, im Restaurant zu begegnen und zu unterhalten. Sie beenden ihre Beziehung über Facebook. Sie verabreden sich über WhatsApp – sie rufen nicht einmal mehr an, um ein Treffen zu vereinbaren.

Das erstaunt mich sehr. Wiegen wir uns denn digital wirklich dermaßen in Sicherheit?

Wie im Film wäre eine solche Sicherheit trügerisch, denn sogar auf ein Foodfoto kann gnadenlos scharfe Kritik herabhageln. Inmitten eines Shitstorms findet man sich schneller wieder, als man »Sorry« sagen kann. Und wie furchtbar es sein kann, Zielperson eines solchen Shitstorms zu werden, davon wird tagtäglich im Netz berichtet.

Es gibt – Achtung, Weisheit kommt hernieder – keinen Schutz davor, verletzt zu werden. Verletzungen können sowohl unmittelbar als auch indirekt zugefügt werden. Immer. Überall. In jedweder Hinsicht.

Ohnehin kann die digitale Welt die reale nicht ersetzen. Digitale Gemeinsamkeit ist nicht dasselbe wie die gemeinsame Runde am Esstisch. Nur das reale Butterbrot kann mir tatsächlich schmecken und mich wirklich sättigen. Ein Like ist keine Berührung. Und von Nachwuchs, der in den sozialen Medien gezeugt wurde, habe ich sowieso noch nie gehört. ^^

Kommunikation Social Media

Kurzum: Es ist keine reine Science-Fiction mehr, die Verlagerung sozialen Lebens in die digitale Welt wächst. Doch wer sich überwiegend in den Social-Media-Kanälen bewegt, der erntet vielleicht Anerkennung, ein großer, ein wesentlicher Teil seines sozialen Potenzials aber liegt brach.

Die sozialen Medien sind eine wunderbare Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren – aber sie sind eben nur eine Möglichkeit von vielen weiteren, unmittelbaren Möglichkeiten der Begegnung. Daran ändern auch die schönsten Foodfotos nichts.

Letztlich geht es doch wie immer vor allem um eines: Ausgewogenheit.

Das gilt für die Ernährung ebenso wie für das gesamte Leben. Als Ergänzung zur Wirklichkeit ist das World Wide Web eine großartige Erfindung, voller Inspirationen und Spielwiesen für die eigene Kreativität. Man muss sich nur stets vor Augen halten, in welcher Parallelwelt man gerade unterwegs ist. Und auch wenn mal die eigene Unzulänglichkeit ungewollt offenbar wurde und es Kritik hagelt – daran kann man nur wachsen. Wie heißt es so schön?

»Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.«

Das gilt für alle Welten. Also hinaus mit euch – und lasst es euch schmecken!

(br)

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