Parallelwelten in der Esskultur 1

Mahlzeit

Vom Leben ohne eigene Foodfotos

Die gemeinsame Mahlzeit – für mich ist sie ja eine ganz fabelhafte Einrichtung menschlicher Gesellschaft. Ich stelle mir dabei gern eine Runde fröhlich schwatzender Leute vor, die um einen Tisch sitzen. Der eine langt hierhin, der andere dorthin, es wird munter gekaut, ge*hmmm*t und geschluckt, die Gläser klirren, das Besteck klappert, Gelächter erfüllt den Raum. Anfangs noch hübsch eingedeckt, verwandelt sich der Tisch allmählich in ein Tohuwabohu – und niemanden stört es. Wangen röten sich bei steigender Raumtemperatur, aus dem Backofen wird zu späterer Stunde das Mitternachtsdessert gezogen. Die Atmosphäre verdichtet sich, die Gläser klingen immer noch munter, Teller und Schüsseln sind längst leergegessen, doch die angeregten Gespräche schwirren weiterhin unablässig über den Tisch. Zum Ende des Abends sind alle satt und glücklich und erfüllt von dem Gefühl, dazuzugehören.

So erlebe ich es am liebsten.

*grübel* Das ist natürlich für einen Blog, auch wenn er sich mit Ernährung, Ernährungstrends und Esskultur beschäftigt, erst einmal ungeeignet. Ich bin ja nicht real hier und esse gemeinsam mit Freunden. Ich schreibe nur über dies und das im Zusammenhang mit Esskultur – und digitalisiere damit das Erlebte und Gedachte.

»Barbara, bestimmt wäre es sinnvoll, dabei auch mehr Foodfotos auf die sozialen Netzwerke hochzuladen«, raten Freunde und Freundesfreunde mit wohlwollendem Schulterklopfen.

Dumm nur, dass ich mich beim Fotografieren ungefähr so geschickt anstelle wie mit der Bohrmaschine: Es führt lediglich zu größerem Unglück. Ich habe kein Auge für Motiv und Perspektive – na ja, um ehrlich zu sein: Ich finde ja schon so ein bisschen und ganz heimlich, dass ich durchaus ein Auge für Motiv und Perspektive habe, aber leider teilt kaum jemand diese Auffassung mit mir. *grummel* Wieso man mir dennoch dazu rät, ist mir ein Rätsel. Die Hoffnung stirbt zuletzt? Das wird es wohl sein.

Außerdem beschäftige mich an dieser Stelle zwar mit Ernährung und Ernährungstrends, mit Esskultur und mit deren Sein und Nichtsein in der Welt. Sozusagen. Aber! Ich koche nicht. Ich habe noch nie gekocht. Und ich vermute, ich werde in diesem Leben auch nicht mehr mit dem Kochen beginnen.

Teig kneten

Mit wahrer Wonne verspeise ich die Kreationen, die mir andere Herdzauberer vor die Nase stellen. Abwiegen und abmessen, kneten und rühren, backen und brutzeln, simmern und sotten, ablöschen und flambieren und weiß der Himmel, was noch alles: Es ist gar zu herrlich, von einem dieser Menschen, die begeistert solche Dinge tun, eingeladen zu werden und eines ihrer Zauberwerke zu kosten. Magische Momente.

Trotzdem verleitet mich das nicht dazu, selbst zu Schaumlöffel und Rührbesen zu greifen. Wenn ich einen Kuchen backe, explodiert entweder der Mixer oder der Herd oder zur Not auch der Kuchen selbst. Wenn ich Nudeln koche, hole ich, nachdem ich die Küche aufgewischt habe, einen Teigklops aus dem Kochwasser, der tonnenschwer im Magen liegt. Wenn ich eine Sauce anrühre, muss ich hernach den Topf entsorgen (und die Sauce am besten auch).

Hefegebäck verbrannt

Meine Kochversuche führten immer wieder zu Verletzungen: entweder der Einrichtung oder der Geschmacksnerven. *seufz* Wenn ich wirklich meinen Hunger stillen und dabei auch noch ein »sensationelles« Erlebnis genießen möchte, sollte ich lieber nicht meine eigenen Gerichte wählen. So einfach ist das. Sogar meine Freunde und Freundesfreunde, so wohlwollend sie auch sein mögen, haben mich am Herd längst abgeschrieben.

Woher also sollte ausgerechnet ich Foodfotos nehmen? Ich könnte alternativ meine Katzen fotografieren – Katzen-Fotos und -Videos sollen ja hohen Traffic erzielen, nichts ist im Netz beliebter (wobei ich viele der angeblichen Funny-Cats-Clips für Zeugnisse reiner Tierquälerei halte, ehrlich). Und wenn sie mal wieder diversen 0ßßP11ÖPP (das war zum Beispiel der Kater, der sich schwungvoll auf die Tastatur geworfen hat: typisch) Unfug treiben, drohe meinen Katzen zwar regelmäßig an, sie würden in der Suppe landen, was sie zumindest gedanklich in die Nähe von Essen und Esskultur rücken würde – aber das ist eine leere Drohung, und meine Katzen wissen das ganz genau. Fotos gefällig? Allerdings halten die beiden nie still … ^^

Na gut. Also erst einmal – in Ermangelung selbst zubereiteter Gerichte – keine selbst geschossenen Foodfotos. Dabei begegnet uns Foodfotografie überall. Ohne Foodfotos scheint kein Blog zu funktionieren, auch unserer nicht, obwohl wir nicht einmal einen Rezepte-Blog (der uns mit Sicherheit viel Traffic einbringen würde) führen. In unseren Texten greifen wir deshalb dankbar auf lizenzfreie Datenbanken wie Pixabay zurück. Auf Instagram aber sind wir verloren.

Das Teilen von Foodfotos im Netz, auf Instagram, Pinterest und wo auch immer, ist eine neue Form der Gemeinsamkeit. Vielleicht sollte man exakter formulieren: Es ist eine neue Form der Gemeinsamkeitsempfindung. Denn die Gemeinsamkeit ist ja zunächst rein virtueller Natur, real ist lediglich meine Handlung an Smartphone, Tablet oder Rechner.

Auch ich, die ich weder kochen kann noch kochen möchte und nicht einmal eigene Fotos zur Verfügung stelle, ich klicke mich durch die Food-Blogs im Internet und bewundere die Fotos, die jene Herdzauberer von ihren Koch- und Backkunstwerken hochgeladen haben. Eine mit Puderzucker märchenhaft überstäubte, mit bunter Kulisse vervollkommnete Welt, die gleichsam aus dem Monitor heraus bis hierher in meine reale Welt duftet. Alles so appetitlich arrangiert und geschickt ausgeleuchtet. *staun*einbisschenneidischfühl*

Beeren-Tarte

Es ist eine Parallelwelt, in die ich da eintauche. Parallelwelten als solches sind ja nichts Schlimmes, sagt der Weise. Sogar im Blick auf unser Universum vertreten einige Wissenschaftler die Ansicht, dass es nur eines von zahllosen Paralleluniversen sein könnte, die aus der Ursuppe hervorblubbern. Warum also nicht auch auf diesem Planeten zu den vielen kleinen Parallelwelten stehen: jeder Kultur das Ihre, jeder Esskultur sowieso.

Dieweil ich in dieser Parallelwelt der Foodfotografie nur stille »Anteilhaberin« bin und kein eigenes Werk beisteuern kann, bohrt sich gleich neben meinem Wissen, wie unfähig ich um Umgang mit dem Fotoapparat bin, eine Frage durch meine Hirnwindungen, die mich doch ein wenig bestürzt:

Bin ich eine Ausgestoßene der digitalen Welt? Mir selbst mit meinen mangelnden Fähigkeiten in Kochkunst und Fotografie bleibt die virale Beliebtheit im Netz verwehrt. Ich ernte keine Likes für die geschmackvollen Zutatenmischungen auf meinem Rezepte-Blog. Ich bekomme keine Herzchen auf Instagram.

Es mögen Wildfremde sein, die auf diesen Plattformen ihre Sympathie für Foodfotos – und damit auf verwirrende Weise für die Fotograf(inn)en – zum Ausdruck bringen. Trotzdem bilden sie eine Gemeinschaft, die innig, wenn nicht sogar verschworen wirkt. In der Realität begegnen sich diese Menschen sehr viel seltener, geschweige dass sie so herzlich aufeinander zugingen. Weil sie sich persönlich nicht kennen – oder weil so viel Unmittelbarkeit einfach zu viel wäre?

Kommunikation künstlicher Intelligenz

Und überhaupt: Verhalten wir uns digital vielleicht sogar ganz anders als in unserer realen Welt? Auch wenn wir unser Herz ausschütten, wenn wir auf den »Gefällt-mir«-Button klicken oder in einem Kommentar unser Wohlgefallen bekräftigen: Kommunizieren wir in solchen Momenten doch als Alter Egos – oder? Machen wir uns zu Avatars in einer Welt, in der Verbindlichkeit temporär ist, jederzeit gelöscht und neu gebootet werden kann?

Damit beschäftigen wir uns im zweiten Teil unserer Betrachtung der Parallelwelten in der Esskultur. Schaltet auch nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: Der Mensch auf der Suche nach Anerkennung. ^^

(br)

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