Quinoa – Mission Hoffnung

Quinoa-Pflanze

Das nährstoffreiche, glutenfreie Pseudogetreide Quinoa ist mehr als bereichernder Bestandteil einer gesunden, ausgewogenen Ernährung. Seine Bedeutung geht weit über jeden Ernährungstrend hinaus. Quinoa ist zugleich einer der Hoffnungsträger, die Ernährung der Menschheit auch in der Zukunft zu sichern.

Mittlerweile ist Quinoa allgegenwärtig: Quinoa ist gesund!, so springt es mir von allen Seiten entgegen. Ich durchstöbere den Bioladen und finde Quinoa. Ich schlendere über den Wochenmarkt – die Stände mit dem Quinoa-Angebot sind nicht zu übersehen. Ich eile durch den durchschnittlichsten Supermarkt der Stadt und bin erstaunt über die Auswahl an Quinoa. Ich sehe mich in der Buchhandlung um und entdecke reihenweise Bücher mit Quinoa-Rezepten. Ich schmökere durch Blogs und Rezepte-Foren – überall werden die kleinen Samen bildreich beschrieben oder begeistert als Zutat verarbeitet.

Ist etwas dran an so viel Enthusiasmus? Ja, es ist. Tatsächlich, ich bin selbst ganz verblüfft. Oft genug stellt sich bei näherer Betrachtung ja doch nur wieder ein weiterer Hype im Rahmen irgendeines neuen Ernährungstrends heraus. Doch diesmal, ich muss es gestehen, bin ich selbst fasziniert.

Zu den Fakten, Matrosen!

Quinoa-Nüsschen

Gestatten: Quinoa, glutenfrei

Kennt ihr Melde? In unseren Breitengraden halten viele Menschen sie lediglich für ein lästiges Wildkraut. Diese »Lästermäuler« übersehen unter anderem, dass einige unserer Melden-Arten ebenfalls essbar sind, zum Beispiel die Gartenmelde. Sie ergeben aromatische Wildkräutersalate und Blattgemüse. Wer das weiß, den überrascht auch nicht mehr, dass unsere Melde eine nahe Verwandte der Quinoa ist: Beide Pflanzen gehören zur Familie der Fuchsschwanzgewächse (oder auch der Gänsefußgewächse – die Systematik ist da ein wenig unentschieden).

Quinoa ist also kein Süßgras wie Roggen und Weizen, Gerste und Dinkel. Als sogenanntes Pseudogetreide enthält es kein Klebereiweiß, das Gluten. Menschen, die an Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) leiden, können unbesorgt Quinoa verzehren. Da ihm das Klebereiweiß fehlt, besitzt Quinoa wie jedes Pseudogetreide allerdings nicht die Backeigenschaften des Getreidemehls: Einen Brotlaib kann man nicht daraus formen, höchstens einen dünnen Fladen backen.

Man kann sich aber darauf einstellen. Doch habt acht: Im Internet finden sich zwar viele Backrezepte, die versprechen, man hole zum guten Ende ein Quinoa-Brot aus dem Backofen. Allerdings mengen sie dem Teig oft etwas Roggen- oder Dinkelmehl unter. Damit ist das Brot jedoch nicht mehr glutenfrei.

Alternativ zum Getreidemehl kann man beispielsweise auch Flohsamenschalen oder Johannisbrotkernmehl in den Teig mischen. Auch diese Zutaten sorgen für die Bindung des Teigs. Das Brot ist vielleicht nicht so formschön und von so locker-knuspriger Textur wie übliches Getreidemehlbrot, kann aber wie jedes andere Brot nach Belieben belegt und als »Schnitte« verzehrt werden.

Und für die Hopfenfans unter euch: Man kann aus Quinoa sogar glutenfreies Bier brauen. Hoch die Gläser!

Einen kleinen Wermutstropfen jedoch gibt es: Quinoa enthält Saponine. Diese Bitterstoffe dienen einer Pflanze zur Verteidigung gegen Fressfeinde. Das macht sie natürlich auch für den menschlichen Gaumen bitter. Die Samen werden daher nach der Ernte und dem Trocknen geschält und gewaschen. Der überwiegende Teil der Bitterstoffe wird dabei zwar entfernt, doch für Kleinkinder ist Quinoa auch dann noch ungeeignet.

Quinoa-Salat

Quinoa, das kleine Nährstoffwunder

Doch wozu überhaupt die Mühe, wenn man gar nicht unter Zöliakie leidet? Das hab ich mich anfangs gefragt.

Die Antwort liegt auf der Hand – na ja, besser gesagt: Sie liegt in der Pflanze. Da ist zum einen ihr hoher Eiweißgehalt, der den von Weizen, Roggen & Co. übertrifft. Viel wichtiger ist jedoch die besondere Zusammensetzung ihrer Nährstoffe, die Quinoa so wertvoll macht: Sämtliche essenziellen Aminosäuren sind in Quinoa enthalten, mit einem hohen Anteil an Lysin und Leucin. Der mit rund 5% recht hohe Fettgehalt setzt sich überwiegend aus ungesättigten Fettsäuren zusammen, wobei etwa die Hälfte der essenziellen Fettsäuren auf α-Linolsäure, eine Omega-3-Fettsäure, entfällt. Ganz zu schweigen vom eindrucksvollen Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen: Magnesium, Kalzium und Eisen, Vitamin B, C und Karotin – alles da.

Da kann man nur noch zugeben: Der ernährungsphysiologische Wert von Quinoa ist beeindruckend.

Schon die Inka haben davon profitiert: Quinoa war für sie unverzichtbar. Die Pflanze ist im Gebiet des heutigen Boliviens und Perus heimisch, und dort wird sie schon seit rund 6.000 Jahren kultiviert. Denn auf den Hochebenen der Anden, in der dünnen Luft und dem rauen Klima mit seinen mitunter eisig kalten Nächten und sonnendurchglühten Tagen, gedeiht Mais nicht mehr. Quinoa ist jedoch eine widerstandsfähige Pflanze, die Trockenstress oder auch eine Frostnacht übersteht, und das noch in einer Höhe von 4.000 Metern.

David Lynch und Quinoa

Quelle: YouTube | © D. Thomas

Quinoa gegen den Hunger

Dieses widerstandsfähige Füllhorn an lebenswichtigen Nährstoffen weckt heutzutage nicht nur das Interesse von Konsumenten, die sich gesundheitsbewusst ernähren möchten. Auch die NASA zeigt sich angetan:1 Unter den vielen Varianten der Quinoa könnte sich ja auch eine finden, die sich gut im Weltraum – zum Beispiel in Raumschiffen oder in einer Kolonie auf einem fernen Planeten – anbauen lässt. Für die seit Langem geplante bemannte Marsmission wäre das ein Riesenvorteil.

Mehr noch: Quinoa taugt hier auf der Erde zum Hoffnungsträger für die Zukunft der Menschheit. Immerhin leben bereits über 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, bis 2100 soll die Weltbevölkerung auf mehr als 11 Milliarden angewachsen sein.2 Wie aber kann sich die Menschheit in der Zukunft ernähren? Die Ressourcen des Planeten taumeln schon jetzt am Rand der Erschöpfung.

Exoplanet

Wissenschaftler suchen deshalb nach Pflanzen, die nahrhaft, aber anspruchslos sind. Zugleich sollten sie so anpassungsfähig sein, dass sie auch dem Klimawandel trotzen können. Quinoa ist hier ein Silberstreif am Horizont. Viele Forscher sind zuversichtlich, Quinoa nicht nur in den Anden ertragreich kultivieren zu können, sondern auch in weiteren Regionen der Erde, in denen schwierige Anbaubedingungen herrschen.

Doch unsere Welt wäre wahrscheinlich nicht unsere Welt, wenn sich hier nicht ein zweiter, gewichtiger Wermutstropfen finden würde.

Dank der gestiegenen Nachfrage sind die Weltmarktpreise für Quinoa in die Höhe geschossen, ebenso die Exportrate Boliviens und Perus, der Hauptanbauländer. Während sich das Pseudogetreide weltweit großer Beliebtheit erfreut, wird es auf dem Inlandmarkt der Andenländer allmählich unerschwinglich – die ärmeren Bevölkerungsschichten Perus und Boliviens können sich das eigene Anbauprodukt nicht mehr leisten.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Initiative der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) beinah absurd. Denn die FAO erklärte das Jahr 2013 zum Internationalen Jahr der Quinoa – dank ihrer bedeutenden Rolle im Kampf gegen den Hunger.

 

(br)

1 http://ntrs.nasa.gov/archive/nasa/casi.ntrs.nasa.gov/19940015664.pdf, abgerufen am 4.4.2016
2 http://esa.un.org/unpd/wpp/Publications/Files/WPP2015_DataBooklet.pdf, abgerufen am 4.4.2016

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