Nicht Selbstoptimierung, sondern Selbstbestimmung

Laufuhren

Elektronisch unterstütztes Essverhalten

Zu den ersten technischen Hilfsmitteln zur Optimierung unseres Selbst gehörten die sogenannten Activity Tracker. Anfangs waren sie nicht mehr als ein Pedometer, das zugleich Herzfrequenz und Höhenmeter überwachte. Sie sollten (und sollen) dem geneigten Nutzer helfen, die eigene Fitness zu kontrollieren und natürlich zu verbessern.

Mittlerweile stehen mit Fitness-Trackern wie dem Jawbone Gadgets zur Verfügung, die darüber hinaus gehen und zugleich das Schlaf- und Essverhalten in den Fokus rücken: Wie viel habe ich geschlafen, wie viele Schritte habe ich getan, wie viel und wie gesund habe ich gegessen? All das kann definiert, dokumentiert und ausgewertet werden. Am Ende soll der optimierte Mensch stehen: fit, ausgewogen ernährt, selbstbewusst – und vollkommen auf Lifestyle ausgerichtet.

Heilung statt Optimierung

Auf dem Markt tummeln sich viele weitere Gadgets, die uns helfen sollen, unser Sport- und Essverhalten zu überwachen und zum Gesünderen hin zu verändern. Einige dieser netten kleinen Techniktricks beschreibt Kollege Matthias in seinem aufschlussreichen Blogbeitrag auf Modernes Essen. Unter anderem weist Matthias darauf hin, wie zweifelhaft dabei der Kontrollverlust ist, den ein Mensch auf der Suche nach Optimierung erfahren kann.1

Denn es ist wohl wahr: Im Grunde müsste ich doch nichts weiter tun, als auf die Signale meines Körpers zu achten. Knurrt mein Magen, nehme ich Nahrung auf. Wird mein Mund trocken, trinke ich Wasser. Was soll daran so schwierig sein? Ich muss mich von einem technischen »Spielzeug« doch nicht so weit entmündigen lassen, dass es für mich entscheidet, wann ich wie viel trinke!

Meine Empörung bei diesem Gedanken war echt. Doch dann fiel mir ein: Was, wenn ich diese Spielereien in einem anderen Bereich einsetze, diesmal nicht als Mittel zur Optimierung, sondern zur Heilung?

Stellt euch einmal vor: Da hat ein Mensch starkes Übergewicht. Er ist so dick, dass seine Mitschüler ihn mobben. So dick, dass die Kollegen schiefe Blicke werfen. So dick, dass der Personaler beim Vorstellungsgespräch die Stirn runzelt. Denn dick zu sein heißt in unserer optimierten Lifestyle-Welt: Ich bin willensschwach und habe die Kontrolle verloren. Ich bin nicht in der Lage, mein Essverhalten so einzustellen, dass ich Normalgewicht erreiche.

Dicker Mops

Aus dem Blickwinkel der Selbstoptimierung wird Übergewicht oft mit Willensschwäche und Kontrollverlust gleichgesetzt

Stoffwechsel: Kleiner Unterschied, Schwerwiegende Folgen

Das muss jedoch gar nicht der Fall sein. Den einen hält der Salat schlank, der andere muss ihn nur ansehen und hat gleich gefühlt einige Gramm mehr auf den Rippen. Jeder Stoffwechsel funktioniert ein kleines bisschen anders, und manchmal hat dieser kleine Unterschied »schwerwiegende« Folgen. Zwischenzeitlich haben Studien sogar nachweisen können, dass manche Menschen auf Lebensmittel, die eigentlich als gesund gelten, mit erhöhtem Blutzuckerspiegel reagieren.

Doch in den Köpfen unserer Allgemeinheit herrscht noch immer der Gedanke vor: Wer dick ist, hat die Beherrschung verloren. Der soziale Druck, der dadurch auf die Betroffenen ausgeübt wird, ist enorm und führt nicht selten zu – weiterer Gewichtszunahme.

Dabei kennen viele von uns den Moment, in dem wir je nach Seelenlage frustriert oder vergnügt die Tafel Schokolade oder den Eisbecher oder den fetttriefenden Burger verputzen, obwohl der Magen gar nicht knurrt – man muss dazu nicht einmal ein Problem mit der Ernährung oder gar mit der Figur haben. »Ausrutscher« sind ja auch nicht weiter tragisch, wenn wir uns ansonsten ausgewogen ernähren: Kleine Sünden verzeiht der gesunde Körper gern.

Kleine und große Sünden über einen längeren Zeitraum aus reiner Vergesslichkeit oder vielleicht sogar eine Stoffwechselerkrankung, das ist jedoch ein ganz anderes Thema. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, deren liebenswerte Tante alles andere als senil war und trotzdem immer wieder vergaß, ausreichend zu trinken. Für sie wäre ein Vessyl eine praktische Lösung gewesen. Meine Tante hätte spielerisch leicht erlernen können, wie man damit umgeht.

Vom Trend zur Errungenschaft

Oder bleiben wir ruhig beim Adipositas-Kandidaten, dem es nicht gelingt, sein Gewicht zu reduzieren. Das Übergewicht können neben der Stoffwechselproblematik auch die vielen kleinen Resignationen des Alltags verursachen: Ich habe ja erst …, es ist doch nur … Technische Hilfsmittel sind zweckmäßig, wenn sie helfen, die Realität im Auge zu behalten. Weder die momentane seelische Verfassung noch der innere Schweinehund kann dann noch einen Streich spielen.

Auch auf diese sinnvolle Nutzungsmöglichkeit weist Matthias umsichtig hin. Mir liegt darüber hinaus ein weiterer Hinweis auf dem Herzen: Auch wenn das trendige Startup-Unternehmen auf Anhänger eines gerade angesagten Lifestyle abzielt, so sind diese Entwickler doch immerhin diejenigen, die den Anfang machen und einen neuen Weg bahnen.

Die meisten technischen Neuentwicklungen waren zunächst für einen ausgewählten Personenkreis gedacht: jene, die es sich leisten konnten, finanziell, politisch oder sozial. Technischer Fortschritt entwickelt sich häufig vom Einzelnen ins Allgemeine: Erst hat’s nur einer, dann haben es alle. Mit Radio und Fernseher, Flugreisen, MP3-Player und Computer verlief es nicht anders. Vor allem: Im Laufe der Zeit verwandelte sich der Trend in eine wissenschaftliche oder kulturelle Errungenschaft, die jedem auf eigene Weise zugutekommen kann – der Nutzer muss sich dazu nicht mehr trendgetreu verhalten wollen.

Ich habe immer eine Wahl

Ich bin misstrauisch, wenn ein Leben auf Trends und Selbstoptimierung ausgerichtet ist. Trotzdem kann es in manchen Fällen sinnvoll und vor allem heilsam sein, wenn ich mein Verhalten ändere. Und machen wir uns nichts vor: Die Veranschaulichung unseres Verhaltens in einer Grafik oder in einem Bild spornt weitaus mehr zur Veränderung an als ein rein gedanklicher Vorsatz oder eine wörtliche Ermahnung. Ohnehin müssen die Nutzer von Jawbone, Vessyl und der Smartphone-App ihr Ernährungsverhalten auch wirklich ändern wollen. Keine Erfindung der Welt kommt gegen menschliche Sturheit (oder Willenskraft) an.

Wer jedoch ein wenig Unterstützung braucht, der findet in solchen Gadgets praktische kleine Helfer. Warum also nicht? Mit Entmündigung hat dies dann nichts mehr zu tun. Fort von der Selbstoptimierung, hin zur Selbstbestimmung:  Ich habe immer eine Wahl. Ich muss mich nicht für den Trend entscheiden. Ich kann mich für mich selbst entscheiden.

(br)

1http://modernesessen.de/quantified-self-du-misst-was-du-isst/, abgerufen am 21.3.2016

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