Wenn die Ernährung Bauchweh verursacht

Spiegelei in der Pfanne

Ein Interview mit der
Ernährungswissenschaftlerin Birgitta Tummel

Birgitta Tummel, Ernährungswissenschaftlerin

© Birgitta Tummel

Birgitta Tummel ist freiberufliche Ernährungswissenschaftlerin in Bonn.
Sie bietet Seminare, Vorträge und Mitarbeiterschulungen zu Lebensmittelinhaltsstoffen und Allergien für das Lebensmittelhandwerk und den Lebensmitteleinzelhandel an.
Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt ist für sie die Ernährungsberatung bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Probleme mit Nahrungsmitteln scheinen ja zuzunehmen. Jeder kennt jemanden, der dies oder jenes nicht »verträgt«, und auch in den Medien ist dieses Thema zunehmend präsent. Ist das wirklich ein größer werdendes Problem?

Birgitta: Die Hauptthemen bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind die Laktose, die Fruktose und das Gluten, das gerade in den Medien sehr präsent ist. Ich berate vor allem Menschen, die Laktose, also Milchzucker, oder Fruktose, das heißt Fruchtzucker, gar nicht oder nur in geringen Mengen vertragen und deswegen Beschwerden wie Durchfall, Schmerzen, Blähungen, aber auch Verstopfung haben.

Etwa 12% der Deutschen haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Laktose-Unverträglichkeit. Und das wird sich auch nicht sprunghaft ändern, da in der Regel genetische Faktoren die Ursache sind. Die Häufigkeiten von Unverträglichkeiten sind aber schwer einschätzbar.

Was führt zu der gestiegenen Wahrnehmung?

Birgitta: Verschiedene Seiten gehören dazu. Zum Beispiel »Laktose«: Immer mehr Ärzte vermuten eine Unverträglichkeit und können auch auf Milchzucker-Unverträglichkeit testen. In der Folge kommen immer mehr Menschen mit der Diagnose zu mir.

Mehr Menschen hören aber auch auf ihren Bauch und wollen Beschwerden auf den Grund gehen. Das Bewusstsein dafür, dass ernährungsbedingte Ursachen für körperliche Probleme vorliegen können, steigt.

Eine weitere Rolle spielt die zunehmende Durchmischung der Gesellschaft. In Afrika und dem Mittelmeerraum gibt es mehr Menschen mit Laktose-Intoleranz als in Nordeuropa. Wenn Rinderzucht und -haltung nicht traditionell über viele Generationen hinweg zur Nahrungsproduktion dazu gehören, ist der Anteil der Menschen, bei denen das Gen für die Laktase-Produktion inaktiv ist, hoch.

Zu Beginn seines Lebens hat jeder Mensch dieses Enzym (Laktase), das zum Abbau der Laktose benötigt wird, da wir ja über die Muttermilch reichlich davon aufnehmen. Im Laufe des Lebens, so etwa bis zum Alter von 12 bis 13 Jahren, lässt die Aktivität des Enzyms mehr oder weniger nach. Bei Menschen mit ausgeprägter Laktose-Intoleranz können etwa 1–2% der Betroffenen gar keine Laktose beschwerdefrei zu sich nehmen. Manche können noch geringe Mengen vertragen.

Puppenkind und Milchflaschen

Milch macht munter – doch längst nicht jeden

Kann man eine Lebensmittelunverträglichkeit durch Ernährung wieder loswerden?

Birgitta: Loswerden kann man sie nicht, nur steuern. Aber man kann gut damit leben, zum Beispiel indem man laktosefreie Produkte verwendet.

Die Fruchtzucker-Unverträglichkeit (Fruktose-Malabsorption) wird auch häufig diagnostiziert und kann viele unangenehme Beschwerden verursachen. Auch sie kann man nicht loswerden. Die Mengen, die noch vertragen werden, sind jedoch individuell verschieden. Es macht Sinn, sie mit einer Ernährungsberatung auszuprobieren. Das ist nicht leicht, denn Fruktose ist vor allem in industriell verarbeiteten Lebensmitteln enthalten. Im Apfel ist zum Beispiel deutlich weniger Fruktose als im Fruchtriegel enthalten.

Wie viele Menschen leiden denn tatsächlich an einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit?

Birgitta: Das ist nicht einschätzbar, denn viele Unverträglichkeiten sind nicht diagnostiziert.
Viele Menschen lassen den Eisbecher weg, wenn sie merken, dass er ihnen nicht guttut, und kommen dann klar. Andere kommen weniger gut zurecht, gehen aber trotzdem nicht zum Arzt. Meiner Erfahrung nach haben Männer eher eine Hemmschwelle, wegen Blähungen oder Durchfall zum Arzt zu gehen. Frauen berichten mir, dass sie der geblähte Bauch stört. Männer tragen den Gürtel halt unter dem Bauch.

»Unser ›Lifestyle‹ hat sich ja auch geändert.«

Morgens schon Latte Macchiato, als Snack ein Fruchtjoghurt und mittags dann Nudeln mit Käse-Sahne-Sauce! Das ist eine Herausforderung für den Darm.

Als ich Kind war, haben wir Joghurt als Nachtisch und nicht zwischendurch gegessen. Nun zählt Joghurt noch zu den verträglichsten Nahrungsmitteln. Aber im Rahmen einer Mahlzeit, mit Kohlehydraten, Eiweiß und Fett kombiniert, erreicht der Milchzucker den Darm deutlich langsamer. Dann vertragen auch Menschen, die wenig oder gar keine Laktose verarbeiten können, einen Joghurt besser, als wenn er direkt durch den Magen in den Darm geht.

Früchtemüsli

Ein Übermaß an fruktosehaltigen Lebensmitteln kann auch den normalen Darm überfordern

Auch bei der Fruktose-Unverträglichkeit spielt die Ernährungsweise eine Rolle. Manche Menschen ernähren sich den ganzen Tag von fruktosehaltigen Lebensmitteln: morgens schon Früchtemüsli oder auch zwischendurch einen Smoothie, mit dem allein man sich schon 25 Gramm Fruktose zuführt. Das sind Mengen, die schon ein »normaler« Darm nicht mehr verträgt.

Also ist Obst nicht immer gesund?

Birgitta: Kommt darauf an! Unsere Grundschule hat vor Kurzem die Schulmilch abgeschafft, weil ja so viele Kinder Kuhmilch nicht »vertragen« und weil Milch auch so viel Laktose und zu viele Kalorien enthält. Nun sind alle ganz stolz auf ihr Schulobstprogramm. Das Obst enthält aber jede Menge Fruktose und außerdem Säure. Wenn die Kinder Milch dazu trinken würden, wäre das ideal. Doch die Kinder trinken nun andere Getränke, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass alle Kinder nur Wasser dabeihaben. Die gesüßten Getränke kommen noch obendrauf.

Smoothie Erdbeere und Melone

Obst-Smoothie: viele Vitamine, aber auch viel Fruchtzucker

Wie ist es mit Lebensmittelallergien: Kann ich die nicht auch noch im Erwachsenenalter erwerben?

Birgitta: Ja, kann ich. Aber genetische Voraussetzungen sind entscheidend. Wenn beide Eltern Allergiker sind, ist das Kind wahrscheinlich auch betroffen.

»Wenn Kinder eine Allergie entwickeln,
dann fast immer eine Allergie gegen Lebensmittel.«

Es gibt sogenannte Allergikerkarrieren. Im Säuglingsalter und Kleinkindalter zählen Kuhmilch, Hühnerei, Soja und Erdnüsse zu den häufigsten Allergenen. Die beiden letztgenannten sind etwas seltener und durch veränderte Ernährungsgewohnheiten, wie zum Beispiel sojahaltige Säuglingsmilch, bekannt geworden.

Die Kinder verlieren später die Allergie wieder, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht eine neue Allergie entwickeln, zum Beispiel eine Pollenallergie oder allergisches Asthma. Nach der Pollenallergie kommt dann häufig im jungen oder auch älteren Erwachsenenalter eine Lebensmittelallergie auf pollenassoziierte Lebensmittel dazu. Die allergische Reaktion wird hierbei durch Lebensmittel verursacht, die mit den Pollen, auf die die Menschen reagieren, botanisch verwandt sind. Ein Beispiel: Viele Menschen reagieren auf Birkenpollen allergisch. Botanisch eng verwandt mit der Birke sind Sellerie und Soja – und damit sind sie potenzielle Allergene.

Das sind komplexe Zusammenhänge?

Birgitta: Ja! Wenn im Frühling zum Beispiel die Vorfreude auf den Sommer steigt und gleichzeitig die Birkenpollen blühen: Dann sind die Allergien auf pollenassoziierte Lebensmittel natürlich am stärksten. Wer dann wegen der Sommerfigur zu einem Diätprodukt auf Sojabasis greift, der wundert sich häufig über schwere allergische Reaktionen.

Werden unsere Lebensmittel auch durch die industrielle Produktion problematischer?

Birgitta: Die Lebensmittel als solche werden nicht unbedingt stärker allergen. Dafür gibt es keine Belege.
Nehmen wir den Apfel als Beispiel: Es gibt allergenstärkere und allergenärmere Sorten. Generell werden ältere Sorten besser vertragen. Es gibt aber auch neue hochgezüchtete Sorten, die gut vertragen werden.

Zu den alten, gut verträglichen Apfelsorten gehören zum Beispiel Boskop, Berlepsch und der Weiße Winterglockenapfel.1

Äpfel am Baum

Ältere Apfelsorten sind in der Regel besser verträglich

Was tun bei Beschwerden?

Birgitta: Es ist keine gute Lösung, auf alles verzichten. Momentan ist das Konzept Low Fodmap total in. Dabei verzichtet man gleichzeitig auf Fruktose, Laktose, Gluten, Inuline und weitere Substanzen. Das wird von Ärzten schnell empfohlen.

»Wer Probleme hat, sollte sich beraten lassen.«

Das Konzept kommt ursprünglich aus Australien und ist als erster Schritt gedacht, um Menschen schnell beschwerdefrei zu machen. Anschließend wird abgeklärt, welche Ursachen für die Beschwerden verantwortlich sind.

In Deutschland wird das Konzept gerade unter dem Motto übernommen: Essen Sie Low Fodmap, dann geht es Ihnen gut! Quasi als neue Ernährungsphilosophie. Das funktioniert auch gut, doch das Spektrum der Ernährung wird dadurch massiv eingeschränkt. Low Fodmap kann keine Dauerernährung sein. In Zusammenarbeit mit Ärzten und Ernährungsberatern sollte auf eine Low-Fodmap-Diät eine individuelle Ernährungsanpassung folgen.

Gibt es typische Ernährungsfehler?

Birgitta: Der Trend geht dahin, immer mehr Snacks zu essen, weniger Mahlzeiten. Manchen »Bauchpatienten« rate ich zum Beispiel, ruhig mal Braten mit Kartoffeln und Gemüse zu essen. Also eine ganz normale Hausmannkost mit Eiweiß, Fett und Kohlehydraten ohne blähende Speisen. Ruhig öfter am Tag essen, aber richtige gekochte Hauptmahlzeiten – und nicht den ganzen Tag über vermeintlich »gesunde« Snacks.

Schweinebraten

Ruhig mal Braten mit Kartoffeln und Gemüse


Wie schätzt du als Profi die Ernährungstrends ein?

Birgitta: Clean Eating ist mir persönlich das Sympathischste. Hierbei wird keine Lebensmittelgruppe ausgeschlossen.

Vegetarische Ernährung ist Ansichtssache. Sie ist leicht durchzuführen und ohne größere Beschwerden möglich.

Bei veganer Ernährung bin ich mir nicht so sicher. Wenn man es richtig macht, verzehrt man vermehrt Hülsenfrüchte und Sojaprodukte. Das kann vor allem für Allergiker schwierig werden. Man muss sich schon sehr gut auskennen. Diese Ernährungsweise ist machbar, aber nicht für jeden.

Und du selbst: Ernährst du dich immer gesund?

Birgitta: Nein. Aber ich ernähre mich ausreichend gesund, mit einer ausgewogenen Mischkost. Ich esse viele Sachen sehr gern: asiatisch, italienisch, Hausmannskost. Heute gibt es ein vegetarisches Gericht: Nudeln mit Pesto. Aber nicht weil es vegetarisch ist, sondern weil ich einen abwechslungsreichen Speiseplan für meine Familie umsetzen will. Dazu muss es nicht immer Fleisch geben.

Sollen wir mehr auf den Bauch hören?

Birgitta: Bei Speisen wie dem bereits erwähntem Eisbecher, auf den man gut verzichten kann, wenn einem danach nicht gut ist, ja.

Ansonsten: besser keine Selbstdiagnosen und keine Experimente!
Wenn es etwas gibt, das uns stark beeinträchtigt, oder wenn man häufig Beschwerden hat, sollte man die Ursachen suchen und nicht selbst daran herumdoktern.

Birgitta, ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Ein Glossar der wichtigsten Begriffe dieses Interviews findet ihr hier.

(ae)

 

1Infos und Downloads für Apfelallergiker findet ihr unter http://www.bund-lemgo.de/apfelallergie.html

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