Superkeks im Supermarkt

Bodybuilder

Ich denke, es ist völlig natürlich, lange leben zu wollen. Ein hohes Alter erreichen und dabei auch noch gesund bleiben zu wollen. Gemeinhin nennt man das Überlebenswillen. Nur – wann haben wir eigentlich aufgehört, uns auch in Würde altern zu lassen?

Ein Aha-Erlebnis

Gestern ging ich durch den Supermarkt an der Ecke. Es ist kein besonderer Supermarkt, einfach einer dieser Kettensupermärkte, in denen man (fast) alles bekommt, neben der Bioware (so heißt sie zumindest) das preiswerte Rindfleisch, neben veganen Lebensmitteln die Gummibärchen mit Gelatine.

Ich ging also durch diesen Supermarkt – und stolperte. Einer dieser Pappaufsteller war halb in den Gang gerückt worden, und in diesem Fall hatte der Supermarkt erreicht, was er wollte: meine Aufmerksamkeit. Erstaunt betrachtete ich die Dosen in dem Pappständer: Kekse, die als Superfood angepriesen wurden.

Chiasamen

Chiasamen werden als Superfood gehandelt

Gesund + jugendlich = optimal

Längst habe ich mich damit abgefunden, dass sich der Hang zur Selbstoptimierung ausbreitet. Immer mehr Menschen wollen gesund und schön und jung sein, am liebsten alles zugleich und vor allem: Sie wollen gesund und schön und jung bleiben. Wenn es geht: für immer. Was liegt da näher, als auf eine gesunde Ernährung zu achten? Das ist verständlich.

Mein Verständnis gerät jedoch, ich gestehe es, auch an seine Grenzen. Beispielsweise wenn ich Werbung sehe, in der äußerst gut gelaunte Senioren Luftsprünge veranstalten. Best Ager oder auch Silver Ager werden die ergrauten Damen und Herren im Zielgruppen-Neudeutsch genannt, und sie scheinen extrem fit zu sein. Keine Spur von Hüftgelenksweh oder Arthrose-Problemen, kein Zeichen von nachlassender Sehkraft oder schmerzenden Krampfadern. Nicht die kleinste Andeutung von Alterserscheinungen, wenn man von Lachfalten und Silberhaaren einmal absieht. Aber die Lachfalten wirken einfach sympathisch und die Silberhaare äußerst vertrauenswürdig. Wie schön. Im Grunde genommen hüpfen da Tiger-Women und Superdaddys (weitere schöne neue Zielgruppen) im falschen Alter, aber mit der richtigen Gesundheit.

Kakaobohnen

Kakaobohnen, ein weiteres Superfood

Superkeks mit Superfood

Und nun soll ich diesen fitten Zustand bis ins hohe Alter auch Keks-unterstützt erreichen können. Diese »Superkekse« enthalten weniger Zucker als das übliche Gebäck, stattdessen sind sie mit Superfood angereichert: mit Kakaobohnen oder Chiasamen, Hanfnüssen oder Sauerkirschen und so weiter. Superfood plus Mehrkorn plus vegan: Das vereint nicht nur die trendigsten Schlagwörter, das verspricht vor allem Naschen ohne Reue.

Naschen ohne Reue? Kekse mit Superfood?

Nun ist das mit dem Superfood und mir ja so eine Sache: Wir wollen einfach nicht so recht zueinanderfinden. Ich bin misstrauisch, wenn mir ein Lebensmittel wahre Wunder verspricht. Ein Lebensmittel mit einem Label zu versehen – und schwupps, schon steigt meine Chance, jugendlich und gesund zu bleiben: Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Die Verwechslung von gesund und jugendlich

Nach wie vor bin ich überzeugt, dass gesunde Ernährung individueller Natur ist – und schlichtweg eine Frage der Ausgewogenheit. Doch zur Ausgewogenheit brauche ich nicht unbedingt Chiasamen, da tut es auch Leinsamen. Statt Goji-Beeren genieße ich gern unsere heimischen Johannisbeeren, das spart zudem Energie und Transportkosten und Verpackungsmaterial. Selbstverständlich ist es begrüßenswert, wenn neue Lebensmittel meinen Speiseplan bereichern. Aber deshalb erwarte ich weder eine Superwunderwirkung, noch möchte ich regionale Beeren, Samen und Nüsschen aus meiner Ernährung ausschließen.

Vor allem aber: Der Wunsch, bis ins hohe Alter gesund zu bleiben, scheint über den Umweg gesunde Ernährung mehr und mehr in Jugendwahn auszuarten.

Was wird mir denn da suggeriert? Der Blick in den Spiegel muss demnach glatte, frische, strahlende Haut offenbaren, anderenfalls habe ich in meiner Ernährung etwas falsch gemacht? Und wenn ich außerdem nicht täglich 10 Kilometer jogge, nicht das entsprechende Workout absolviere, meinen Joghurt nicht mit Chiasamen anreichere oder gar zwischenzeitlich die Work-Life-Balance aus den Augen verliere – dann bin ich nicht selbstoptimiert, sondern zu einem frühen Tod in Reue und Elend, in Schmerz und Hässlichkeit verdammt?

Das ist überspitzt formuliert. Bedenklich ist die Gleichsetzung von gesund und jugendlich trotzdem.

Elefant in Nahaufnahme

In Würde altern

Ich vermute ohnehin, dass da wieder einmal einige Konzerne auf den fahrenden Zug aufspringen, um mit den Sehnsüchten der Menschen noch etwas mehr Geld zu verdienen. Und die viel zitierte Selbstoptimierung: Sie gleicht sowohl einer olympischen Disziplin als auch dem letzten Anker in einer unsicheren Welt: schneller, weiter, höher – wenn ich alles andere schon nicht kontrollieren kann, dann doch wenigstens mich selbst, bis zum (vermeintlichen) Optimum.

Nicht mit mir. Ich stehe lieber zu jedem Fleck und jeder Falte, denn ich habe sie mir »er-lebt«. Mein Körper darf ruhig mal schmerzen, denn auch das gehört zum Leben und zum Älterwerden dazu. Ich muss mit 50 nicht so tun, als sei ich 25. Ich mag im jugendlichen Alter glattere Haut gehabt haben – aber ich hatte auch weniger Wissen, weniger Erfahrung, weniger Gelassenheit.

Ich finde es schön, älter zu werden, denn ich fühle mich weitaus wohler in meiner älteren Haut. Ich möchte Fehler machen dürfen, denn ich will immer noch dazulernen. Und ich will älter werden dürfen, ohne deshalb als nachlässig und fehlernährt angesehen zu werden.

Es ist doch absurd, mir den Gang der Natur vorhalten zu wollen. Ich will in Würde altern dürfen: Das ist wirklich super.

Den Superkeks brauche ich dazu nicht: wenn schon naschen, dann doch bitte richtig. Wo bleibt denn sonst der Spaß? Solange ich weiterhin auf Ausgewogenheit achte, habe ich auch nichts zu bereuen.

Cupcakes

Genuss ist, wenn man auch noch nascht.

(br)

Nach oben