Detox-Party, Baby!

bunte Smoothies

Kürzlich erzählte mir die Freundin von einem Beitrag, den sie im Radio gehört hatte. Ein Mann sei auf einer Detox-Party gewesen. Das Fragezeichen in meinem erstaunten Blick leuchtete wohl groß und deutlich, denn die Freundin beeilte sich hinzuzufügen: »Detox, Barbara, nicht Botox.«

Uff. Vor meinem inneren Auge hatte ich den Mann schon in einer Partymenge gesehen, in der jeder einen Handspiegel trug, um von allen Seiten seine frisch geglätteten – und gelähmten – Gesichtszüge bewundern zu können.

Aber Moment mal, wenn nicht Botox, was war denn Detox? Ich kannte den Begriff lediglich von Greenpeace – aber als Party?

Detox, so beschied die Freundin mir, sei unter den Ernährungstrends mindestens so angesagt wie Superfood.

Hmpft. Da beschäftigte ich mich nun schon seit Wochen und Monaten mit Ernährung und ihren Trends und ihrer Kultur, aber Detox war unter meinem Radar hindurchgeschlüpft. Schändlich – also musste ich die Freundin ausquetschen. Was genau wusste sie über Detox? War das ein neues Wundermittel? Der Jungbrunnen der Zukunft? In Pulver- oder Pillenform?

Detox Gemüse, Smoothie und Obst

Nichts da, beschied die Freundin mir energisch, Detox werde im Moment als rundherum gesunde Form der Ernährung gehandelt, die den Körper entgifte.

Ein Schauer durchfuhr mich, als ich an die Einläufe des Buchinger Heilfastens dachte …

»Ach was!«, fuhr die Freundin gut gelaunt fort, »von wegen Heilfasten, bei Detox muss man doch nicht hungern! Ehrlich, weißt du denn gar nichts? Ich erkläre es dir!«

Während sie erzählte, drifteten meine Gedanken immer wieder ab: Ich sah mich in einem See grüner Smoothies paddeln, die Haare mit Selleriestängchen hochgesteckt …

Tatsächlich soll Detox der Entgiftung dienen. Der Körper soll von all den Schadstoffen, die er im Laufe der Zeit nicht nur durch die Ernährung, sondern generell aus der Umwelt (Luftverschmutzung, Giftstoffe aus Textilien usw.) aufgenommen hat, befreit und entschlackt werden.

Entgiftungsorgane wie Niere und Leber können sich erholen, die Haut wird wieder klar und strahlend, das Säure-Basen-Gleichgewicht im Körper wird wieder ins Lot gebracht. Die Seele hellt sich auf, und statt müde und schlapp fühlt man sich dank Detox-Diät wieder frisch und munter, verjüngt und gesund – und sieht auch frisch und munter, verjüngt und gesund aus.

Vor allem: Zahllose Promis gelten als der lebende Beweis, dass Detox Wirkung zeigt. Vom schlanken Alabasterleib, den Detox verschaffen soll, mal ganz abgesehen – die Bilder auf Instagram sprechen Bände.

diverse Grünkohlsorten

So viel zu Theorie und Körperkult. Und in der Praxis? Mittlerweile haben sich Detox-Varianten herausgebildet, die sich vor allem in ihrer Dauer und den einzelnen Phasen unterscheiden. Als hätte ich es geahnt: Für den Einstieg empfehlen manche der konsequenteren Kuren zwei Tage Fasten und eine reinigende Darmspülung.

Allgemein aber gilt:

  • Es wird nicht gehungert – wenn man von der fastenden Einstiegs- oder Vorbereitungsphase absieht.
  • Kaffee, schwarzer Tee und Alkohol sind tabu, da sie den Körper übersäuern.
  • Ebenso verzichtet man auf Weißmehl und Industriezucker.
  • Auch tierische Produkte – Fleisch und Wurst, Milch und Milchprodukte sowie Eier – sind vom Speiseplan gestrichen.
  • Fettarmer Fisch wie Lachs oder Zander darf die Ausnahme bilden.
  • Für die Flüssigkeitszufuhr werden Kräutertees und stilles Wasser getrunken.
  • In unbegrenzter Menge darf man Obst essen und frisches, vorzugsweise grünes Gemüse verzehren: leicht gedünstet, roh oder auch als Smoothie.
  • Vollkornreis, Hirse und Quinoa liefern Kohlehydrate.
  • Die Eiweißzufuhr übernehmen zum Beispiel Hülsenfrüchte, Sojasprossen und auch das vitamin- und mineralstoffreiche Weizengras.
  • Avocados und Nüsse bilden die wichtigen Lieferanten für pflanzliche Fette.

Wenn man vom Einstiegsfasten und der Darmspülung absieht, klingt das nach einer weiteren Variation vegetarischer Ernährung – gleichsam deren temporäre Form, da Detox als zwischenzeitliche Entgiftungskur eingelegt werden kann.

Das machte mich nur noch neugieriger, denn von einer Vegetarier-Party zum Beispiel hatte ich nun wirklich noch nie gehört. Was also geschah auf der Detox-Party, hatte die Freundin den restlichen Radiobeitrag auch mitbekommen?

Ja, hatte sie. Wenn er ehrlich sei, habe der Mann sinngemäß erzählt – und in dem Moment erschien er mir extrem sympathisch –, müsse er zugeben, dass er nach einiger Zeit nahe dran gewesen sei, seinen »Wohlstandsbauch« einzuziehen. Angesichts der ganzen Körperschönheiten, die da herumgelaufen seien! Und es sei schon etwas seltsam gewesen, dass die knutschenden Pärchen, die es sonst auf einer Feier unweigerlich gäbe, gefehlt hätten.

grüne Smoothies

Das leuchtete mir ein. Der reine Lifestyle. Statt wildem Headbanging: den grünen Smoothie mit der Selleriestange umrühren. Na gut, das ist ein Vorurteil. Und nicht dass mir Alkohol und knutschende Pärchen fehlen würden. Aber so viel Wohlgefühl und trendy Körperkult auf einer Party?

Seitdem treibt mich die Frage um, ob ich das wirklich wollte: mit dem jeweiligen Lifestyle eine harmonische Beziehung einzugehen. Mich zu entgiften, um hernach als »Körperschönheit« durchgehen zu können. Mich vorgeblich gesund ernähren, aber eigentlich vor allem an Attraktivität und Makellosigkeit gewinnen zu wollen, um ein It-Girl oder eine Hip-Lady oder eine Was-weiß-ich-Madame auf einer Party Gleichgesinnter zu sein?

Ach nein. Detox mag grundsätzlich seinen Sinn haben – auch wenn die Wirksamkeit solcher Entschlackungsmaßnahmen nicht nachgewiesen ist. Doch ich ernähre mich lieber weiterhin einfach ausgewogen – und genieße zwischenzeitlich meine kleinen Sünden. Ich bin nicht der Typ für Makellosigkeit. Und auf der nächsten Party werde ich mit meinem Glas Sekt auf die Detox-Partylöwen anstoßen.

(br)

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