Macht Hunger süchtig?

Fasten und Hunger – leere Gabel

Kennt ihr euch mit Heilfasten aus? Es hat nichts mit der christlichen Fastenzeit vor Ostern oder mit Ramadan zu tun. Heilfasten ist nicht religiös motiviert, sondern als Kur für Körper und Seele gedacht.

Heilfasten soll den Körper entschlacken (entgiften), neue Lebensenergie und gute Laune schenken. Man nimmt dabei kaum oder auch gar keine feste Nahrung zu sich, stattdessen Brühe und Getränke. Es gibt auch Ausnahmen, wie das Früchtefasten, dabei isst man eben nur Früchte, Nüsse, Kräuter und Gemüse.

Das Buchinger Heilfasten zum Beispiel beschränkt sich auf Gemüsebrühe, Säfte und ein wenig Honig. Wer superkonsequent ist, der nimmt auch noch darmreinigende Einläufe dazu. (Eindeutig nicht das Fasten meiner Wahl …) Bei der Breuß-Kur werden ausschließlich Obst- und Gemüsesäfte getrunken. Und das Teefasten beschränkt die Nahrungszufuhr auf Kräutertees und stilles Wasser.

Tee mit Blüte

Ich kenne mittlerweile einige Leute, die sich auf diese abenteuerliche Reise zum eigenen Durchhaltevermögen eingelassen haben. Und einstimmig erzählen sie: Es ist wie ein Rausch. Hat man die ersten Tage erst einmal überstanden, so höre ich staunend, wird es ganz leicht. Man fastet sich gleichsam in einen Zustand reiner Euphorie hinein.

Ehrlich, Leute, kann das sein?

Der Fastende würde jetzt lächelnd nicken. Denn sein Gehirn verfällt beim Fasten tatsächlich in einen Rauschzustand. Ab einem gewissen Zeitpunkt des Hungerns schüttet der Körper vermehrt Endorphine aus. Endorphine – oder Opioidpeptide – sind körpereigene Wirkstoffe, die dem Morphin ähnlich sind. Das Hirn fühlt sich also fast so wie nach einer Opiumpfeife – na gut, das ist jetzt ein wenig übertrieben –, wenn es von Endorphinen überschwemmt wird. Man empfindet weniger Schmerzen, fühlt sich energiegeladen, leicht und glücklich – nicht von ungefähr werden Endorphine auch Glückshormone genannt.

Da muss ich mich doch erst recht fragen: Macht Hunger süchtig? Nun bin ich nahe dran zu nicken, denn ich denke da an Magersüchtige, die sich im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben hungern.

Also ja, es gibt Menschen, die nach dem Hungern süchtig sind. Allerdings nur auf den ersten Blick. Das Hungern ist für Magersüchtige so bedeutend, weil es ihnen ein Gefühl von Kontrolle verschafft. Wenn es ihnen gelingt, nicht zu essen – also die Kontrolle über ihren Körper und grundlegenden Bedürfnisse zu bewahren –, belohnt ihr Körper sie mit der Ausschüttung von Endorphinen.

BMI – Frauenhüfte mit Maßband

Doch eigentlich fechten Magersüchtige, soweit die Psychologie es bisher verstanden hat, einen ganz anderen inneren Kampf aus. Sie kämpfen zum Beispiel mit einem unzureichenden oder fehlenden Selbstwertgefühl, mit einem extremen Perfektionismus, einem falschen Körperbild. Und: Vor allem ihre gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers ist noch viel tragischer, als es klingt, denn sie können nur noch aus Haut und Knochen bestehen und empfinden sich trotzdem als zu dick.

Sie sind nicht süchtig nach dem Hunger. Sie sind vielleicht süchtig danach, jemand anderes zu sein – und dafür belohnt zu werden.

Es mag ja so klingen, als sei dieser Unterschied an den Haaren herbeigezogen. Aber mir erscheint er wichtig, ja, sogar entscheidend.

Also noch einmal: Macht Hunger süchtig?

Nein. Wer freiwillig fastet, hört auch wieder damit auf – ohne Entzugserscheinungen –  und geht offenbar gestärkt daraus hervor. Wer nicht zu fasten aufhören kann, hat ganz andere Motive, aber nicht die Sucht nach Hunger.

Allerdings ist dies auch nur mein Blick auf den Hunger. Es ist ein Thema mit vielen Facetten und Hintergründen.

Habt ihr Erfahrungen mit dem Fasten? Erzählt uns gerne davon.

(br)

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